Log #259 – Verdacht

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Neue Informationen führten zu einem unheimlichen Verdacht.


Auf unserer Expedition überschlugen sich die Ereignisse. Alaska hatte den Absturz mit der Golem überlebt, aber sein Bergbauschiff war schrott. Ein weiteres Schiff, das wir verloren hatten, nachdem die 600i von Friedrich explodiert war. Zwei GEO Bergbau-Mechs und zwei Raumschiffe verloren. Und einen neuen ROC mussten wir auch schon organisieren. Eine gute Balance hatten wir nicht.

Als wenn das nicht schon genug Übel war, erzählte Brubacker von einem Zeitungsartikel, in dem stand, dass nur bestimmte Teile der Bevölkerung regenerieren konnten. Das würde an einem bestimmten Genom liegen, das nur diese Menschen hatten. Und in Pyro gäbe es Forschungsanlagen, in denen geheime Experimente durchgeführt wurden.

Sofort schrillten bei mir alle Alarmglocken. Professor Usagi forschte in Pyro immer noch an  ENOS. Dieses skandalöse Projekt, das uns lange auf Trab gehalten hatte. Waren die Forschungsanlagen die Labore von Usagi? Und gab es einen Zusammenhang mit der Regen-Krise? Immerhin war die Regenerations-Technologie eine Technologie der Vanduul und Usagi forschte mit Vanduul-Leichen. Zudem konnten die Bio-Bots, die im Projekt ENOS entwickelt wurden, Menschen verändern. Waren die Menschen, die regenerieren konnten, markiert? Hatte der Schattenzirkel hinter ENOS einen Teil der Bevölkerung auserwählt, der ewig Leben durfte, um alle anderen zu dominieren?

Und dann hatte uns auch noch die Information erreicht, dass die Citizens for Prosperity einen Wachhund schicken würden. Uns war noch nicht ganz klar, ob dieser über uns wachen oder uns überwachen sollte. Brubacker hatte die Vermutung geäußert, dass die Citizens for Prosperity sicherstellen wollten, dass wir mit der von ihnen bereitgestellten Ausrüstung keinen Reibach machen und dann verschwinden würden.

Und jetzt war ich auf dem Weg ins Stanton System und hatte alles dabei, was wir bisher an Mineralien abgebaut hatten. Hermieoth und Pike hatten mir nachts geholfen, das Equipment in die Asgard von Hermie umzuladen. Danach war ich in aller Eile mit den Mineralien aufgebrochen. Sollte der Verdacht von Brubacker zutreffen, wäre mein Abflug äußerst verdächtig. Aber ich musste abfliegen, ich musste in Stanton jemanden treffen, mit dem ich über ENOS, die Regen-Krise und die Forschungslabore sprechen konnte. Sollte auch nur ein Funken von dem, was ich vermutete, wahr sein, wäre das eine Verschwörung biblischen Ausmaßes.

Mit diesen Gedanken im Kopf saß ich im Pilotensitz und schaute auf die zerfetzten Asteroiden, die an der Starlancer vorbeiglitten. Sie wirkten so unförmig und strukturlos wie unsere Expedition. Zu meiner Linken war in einiger Entfernung die Raumstation des Stanton-Gateways zu sehen. Ein Raumschiff entfernte sich von der Station und steuerte auf den Sprungpunkt zu, der vor mir lag. In einer Minute sollte ich ihn erreicht haben.

Nach all dem Chaos der letzten Tage tat es gut wieder alleine unterwegs zu sein. So viele Menschen auf einem Haufen stressten mich. Ich vermisste die Einsamkeit der Wüste. Aber noch viel schwerwiegender lag die Vorstellung, dass jemand Menschen auf genetischer Ebene manipulierte, nur um Ihnen das Privileg der Unsterblichkeit zu geben. Wenn es ein Privileg war und nicht ein Fluch. Aber die Reichen und Mächtigen konnten ja nicht genug bekommen. Nicht genug Geld, nicht genug Macht, nicht genug Leben. Und sie würden alles tun, um ihre Macht auszubauen und sich über andere zu stellen.

Der Sprungpunkt nahm vor mir Gestalt an. Er formte seinen Strudel, schleuderte Blitze in die braunen Gaswolken. Das andere Raumschiff näherte sich dem Wurmloch und verschwand. Die Anzeigen meiner Instrumente fingen an zu flackern, dann verschluckte das Loch auch mich und ich tauchte ein in den Tunnel zwischen den Sternensystemen. 

Nach einem ruhigen Flug durch den Sprungtunnel und das Stanton System erreichte ich Hurston. Bedeckt mit dreckig braunen Wolken lag der verschmutzte Planet wie ein Mahnmal vor mir. Ein unbehagliches Gefühl stieg in mir auf. Es war zwar lange her, dass Hurston Security mich gejagt und verhaftet hatte und alle Datenbankeinträge über mich waren gelöscht, trotzdem blieb eine Unsicherheit zurück. Der Bordcomputer meldete, dass er den Sprung zur Hauptstadt Lorville kalibriert hatte. Zögerlich krümmte sich mein Zeigefinger, die Starlancer führte den Orbitalsprung durch und die mit gelben Schriftzügen beleuchteten Hochhäuser der Stadt tauchten vor dem Cockpitfenster auf.

Nach der Landung machte ich mich mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze auf den Weg zum Krankenhaus. Es fühlte sich an, als wenn ich heimlich an einen verbotenen Ort gelangen wollte. Verstohlen lief ich an Wachen von Hurston Security vorbei, die mich kritisch musterten. Unbewusst wich ich den Lichtkegeln der Suchscheinwerfer aus, die wie argwöhnische Augen umher wanderten. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich in meinem Outfit auffiel wie ein Valakaar in einer Bar. Trotzdem streifte ich die Kapuze erst vom Kopf, als ich im Krankenhaus ankam. 

Im Krankenhaus traf ich Becky. Sie arbeitete dort und war eine Freundin von Madge Hartford, der Gründerin der Citizens for Prosperity. Ich hatte früher schon mit Becky gearbeitet und die Starlancer für die Expedition über sie bekommen.

Ich erzählte Becky von meinem Verdacht bezüglich ENOS, den Laboren in Pyro und der Regen-Krise. Sie schaute mich mit einem ausdruckslosen Gesicht an. Sekunden vergingen schweigend.  Eine Lautsprecherdurchsage hallte durch das Krankenhaus. Dann ergriff sie das Wort.

“Über ENOS weiß ich nicht viel. Nur das, was ich in dieser Zeitung aus ArcCorp gelesen hatte. Wie hieß die noch gleich? …”

Becky hielt inne. 

“…. Ah ja, ‘Off The Record’. Und ja – nur manche können regenerieren. Die mit dem Genom. Das stand zumindest in der Terra Gazette. Dort stand auch das in Laboren in Pyro vermutlich heimlich geforscht wird. Wahrscheinlich hat dein Freund das gemeint. Die Zeitung bezieht sich auf Labore von ASD, der Associated Sciences & Development. Laut einem Leak macht ein Wissenschaftler Experimente mit verstrahlten Kreaturen, um einen Weg aus der Regen-Krise zu finden. Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll.”

Becky hielt wieder inne und wirkte dabei sehr nachdenklich, fast traurig. Dann fuhr sie mit energischer Stimme fort.

 “Aber unabhängig von all dem ist für uns wichtig, dass die Regenerations-Technologie für jeden zugänglich ist. Wegen der Krise ist die Unterstützung unserer gefährlichen Pionierarbeit massiv am bröckeln. Wir müssen einen Weg finden, die Krise zu beenden. Deswegen bin ich dankbar, dass Du und Deine Freunde uns unterstützen.”

“Vertraut ihr uns?” 

Die Worte kamen aus meinem Mund wie eine Kugel aus einer Pistole.

“Ich vertraue Dir Zero”, antwortete Becky betont.

“Wieso dann diese Aufpasserin?”

“Wovon redest Du?”

“Von Lyrana Sorell, die ihr zu uns schicken wollt.”

“Davon weiß ich nichts. Eure Expedition wurde von Christian Hutton beauftragt. Er ist Logistikkoordinator mit Schwerpunkt Bloom / Orbituary und vertritt die Interessen der Citizens for Prosperity in Pyro. Er stimmt nicht jede Aktion mit uns in der Zentrale ab. Aber ich kann mal in den Akten schauen, ob es einen Eintrag zu dieser Lyrana Sorell gibt.”

Becky ging zu einem Terminal und gab einige Kommandos ein.

“Tatsächlich, hier ist eine Akte im internen Register der Citizens for Prosperity zu einer Lyrana Sorell …. Und da scheint noch mehr zu sein. Warte einen Moment …. Das ist komisch, warum in diesem tiefen Unterverzeichnis? …. Das verstehe ich nicht ….”.

Die Stimme von Becky wurde immer leiser und nachdenklicher. Plötzlich rief sie laut.

“Oh nein! Was sind das für komische kryptische Zeichen?”

Ich sprang an das Terminal und rückte dabei Becky unsanft mit der Schulter zur Seite. Hektisch gab ich mehrere Befehle ein. Meine Finger flogen wie ein Wirbelwind über das Display. Dann trat ich einen Schritt zurück und sagte:

“Hoffentlich war ich nicht zu spät. Da wurde ein Verschlüsselungs-Algorithmus aktiv. Ich habe alles auf mein Mobiglas übertragen. Ich denke, dass ich den Code knacken kann. Aber jetzt muss ich dringend nach Microtech, um einen alten Freund zu treffen.”

*

Den Code zu knacken, war kein großes Problem. Noch während des Quantum-Flugs zum Planeten Microtech schaute ich mir die Akte an.

Lyrana Sorell – geboren in Pyro auf dem Planeten Bloom – Mitte bis Ende 30 – Eltern wohnhaft auf der Orbitalstation Orbituary – das war auch ihr aktueller Aufenthaltsort – Freelancerin ohne vertragliche Bindung – Schwerpunkt Luftüberlegenheit, Zielerfassung, Bewegungsschutz. 

Eine Sache machte mich stutzig. Laut dem Dosier war ihre Staatszuordnung UEE mit eingeschränkter Registrierung. Eine Pyro-Geborene unter UEE-Registrierung? Wie passte das zusammen? Gehörte sie nicht zu den freien Völkern? Laut den Einträgen war sie auch kein Mitglied der Citizens for Prosperity. 

Noch interessanter wurde es mit ihrem Raumschiff. Sie besaß eine modifizierte Aegis Gladius, einen leichten Raumjäger. Die Registrierung war nicht standardisiert und außerhalb des UEE-Transpondernetzes. 

Das wirklich Interessante stand im verschlüsselten Teil der Akte. Meine Verwunderung stieg mit jeder Zeile, die ich las.

Ein Frachter ging bei der Durchquerung von Pyro verschollen – Die Fracht: eine Gladius mit militärischer Konfiguration – Später tauchte eine Gladius bei Orbituary auf, die Signatur stimmte über 92% mit der vermissten Gladius überein – Die Firmware der Gladius: vollständig überschrieben und sie hatte eine neue Kennung  Der Verdacht: Lyrana Sorell hatte sich die Gladius angeeignet.

Ich pfiff durch die Zähne und sackte nachdenklich in die Rückenlehne – Lyrana schien es faustdick hinter den Ohren zu haben. In der Akte stand zwar, dass es keine negativen Einträge oder disziplinarischen Maßnahmen gab, aber auch, dass sie eine geringe Gruppendynamikbindung hatte.

Ich hatte den Verdacht, dass diese Dame noch die eine oder andere Überraschung für uns parat hatte – ich war gewarnt. Es war nicht ausgeschlossen, dass sie eigene Ziele verfolgte und uns am Ende über den Tisch zog. Vielleicht war sie nicht unsere Wächterin. Sondern unser Test.