Ein schwieriger Auftrag, Begegnung mit zwielichtigen Gestalten, um die Schuld eines alten Freundes zu begleichen, und dann stand ich in der Schuld.
Dunkle Nacht umgab das Cockpitfenster. Unter den Sternen war nur Wasser zu erkennen. Langsam schälte sich eine Insel aus dem Schwarz. Eine Corsair und eine Perseus standen darauf. Ihre Scheinwerfer beleuchteten die Ruinen einer alten, verlassenen Siedlung. Angespannt setzte ich mit der White Rabbit zur Landung an – direkt neben dem Wrack einer Star Runner. Kein gutes Omen.
Stunden vorher war ich von ArcCorp gestartet, hatte Pike und Zwiebus eine Nachricht hinterlassen, dass ich in ein paar Tagen zurück sei. Zumindest hoffte ich das. Es gab eine Sache, die ich erledigen musste.
Vor einigen Tagen hatte mir Brubacker geschrieben, er habe Ray Keaton zufällig auf einer Station der Shattered Blades getroffen. Ray habe ihn erst rausgeboxt und dann sofort einen Gefallen eingefordert: Brubacker solle Kontakt zu mir herstellen. Ray wollte das Kriegsbeil begraben und ich solle Daten für ihn entschlüsseln. Brubacker war skeptisch, hatte nicht vergessen, dass Ray mal ein Kopfgeld auf mich ausgesetzt hatte und Ray sei immer noch derselbe Psycho.
Die Sache war seltsam. War das eine Falle? Ray war nicht zu trauen. Er neigte zu impulsiven und gewalttätigen Handlungen. Trotzdem hatte ich meinen Frieden mit ihm gemacht und mich bei ihm gemeldet.
Die Antwort war gewohnt patzig und ungehobelt. Von einem Kriegsbeil wollte er nichts wissen und ich solle keine Daten entschlüsseln, sondern aus einem Wust an Informationen die richtigen herausfiltern. Damit wäre Brubackers Schuld bei ihm beglichen. Sein Vorschlag: Datenübergabe beim Cold Dock-17 Exchange. Ein Treffen von Leuten, die wissen, wie man Geschäfte macht, ohne dass die UEE oder die Advocacy dazwischenfunken. Kein fester Ort. Kein fester Termin. Bedingung: Händler, die etwas anbieten. Käufer, die nicht herumheulen, wenn die Ware heiß ist. Der Ort diesmal: Pyro IV.
Ich hatte nichts zu verkaufen. Mein gesamter Lagerbestand war in den Kauf der Ironclad geflossen. Und Geld zum Kaufen hatte ich auch keines. Keine guten Voraussetzungen für ein Treffen mit zwielichtigen Gestalten, die eine klare Erwartungshaltung hatten.
Skeptisch stieg ich aus der White Rabbit und sog die dünne Luft ein. Blutrote Morgendämmerung zeigte sich am Horizont. Wie würde Ray drauf sein – drohte Gewalt? Unsicher ging ich ein paar Schritte in Richtung der Ruinen. Aus der Dunkelheit kam eine Gestalt auf mich zu. Sie trug die gleiche Rüstung wie ich. Eine zusammengeflickte Mischung aus Tape, Stoff und Metall. Ray Keaton. Verblüffend. Verband uns mehr, als wir uns selbst zugestehen wollten? Gleiche Rüstung, beide hassten wir Hurston Dynamics und hatten nicht viel für das UEE übrig. Gespannt wie ein Bogen blieb ich stehen.

Ray war nicht aggressiv. Er begrüßte mich knapp und gab mir einen Datenstick.
“Und wonach soll ich suchen?”, fragte ich, den Stick in der Hand haltend.
“Weiß ich nicht. Nach Auffälligkeiten.”
Irritiert schaute ich ihn an.
“Irgendwas musst du mir schon geben – Name, Nummer, irgendwas.”
“Nach Zusammenhängen mit den Palatinen, nach einer Aquila, einen Namen hab ich nicht.”
“Palatine? Wer ist das? Freunde von dir? Familie?”
“Freunde, Familie. Das waren sie Mal.” Ray klang plötzlich ruhig, fast traurig. Dann fuhr er fort.
“Kennst du die verfallenen Siedlungen auf Hurston?”
“Meinst du die von den ersten Siedlern in Stanton?”
“Ja. Das waren die Palatine.”
Überrascht schaute ich Ray an. Das war ein Ding. War er ein Nachfahre der ersten Siedler? Jemand von den freien Völkern? Ich war den Spuren der ersten Siedler mit Alaska gefolgt und hatte den Skandal um deren Vertreibung mit der Hilfe von Brubacker veröffentlicht.
“OK”, sagte ich nachdenklich und wog den Datenstick hin und her. “Ich werde nach Palatine suchen. Werde schon was finden, wird aber eine Weile dauern. Hängst du noch in Sakura Sun auf Microtech ab? Dann bringe ich das Ergebnis dorthin.“
Eine laute Stimme in der Nacht unterbrach unser Gespräch.
“Will denn keiner was kaufen?”
Wir gingen zur Corsair. Im Frachtraum standen Kisten, auf denen verschiedene Waffen und Helme ausgestellt waren.

“Mein Name ist Lokutus Van Borg”, wurde ich begrüßt. “Ich biete die beste Ware an. Hier, eine Karna für 5000 Credits.”
“5000?”, fragte ich entsetzt.
“Schlechtes Geschäft”, rief jemand.
Er hatte recht. Das war mehr als im freien Handel.
“Ich hab gerade eine Ironclad gekauft und bin pleite. Kann Decari Pods zum Tausch anbieten.”
“Wertlos”, antwortete Lokutus. “Mineralien und Erze in hoher Qualität würde ich nehmen.”
Lokutus hatte einen Fabricator in der Corsair stehen. Vermutlich stellte er die Waffen selbst her.
“Also mit 5000 kommen wir nicht ins Geschäft”, entgegnete ich. “Da musst du schon noch mehr dazu legen. Hast du Zielvisiere? Oder Stealth Komponenten?”
“Komponenten habe ich nicht. Aber ein Tau Plus Visier. Und ein P6 Scharfschützengewehr lege ich auch noch drauf.”
“Jetzt ist es ein gutes Geschäft”, rief der andere.
Wirklich leisten konnte ich mir das nicht, trotzdem schlug ich ein.
“Bei den Stealth Komponenten kann ich dir vielleicht helfen”, flüsterte mir Ray zu.
Keine Aggression, Hilfsbereitschaft. Was war mit Ray los?
Inzwischen war der Stern Pyros über den Horizont geklettert. Im Tageslicht schauten wir uns die alte verfallene Siedlung an. Wir fanden einen Friedhof. Auf den Grabsteinen waren Außerirdische Schriftzeichen. Fasziniert machte ich Bilder. Das musste ich Alaska schicken.

Plötzlich ein lautes Dröhnen. Eine Cutter flog über uns und warf Täuschkörper ab. Wie kleine Sonnen fielen sie zu Boden. Alle rannten in Deckung und zogen ihre Waffen.
“Das könnte auch ein Zeichen der Freundlichkeit sein”, stellte Lokutus fest.
Niemand schien sich darauf verlassen zu wollen. Mehrere Waffenläufe waren auf die Heckrampe der gelandeten Cutter gerichtet. Hinter einem Felsen beobachtete ich die sich öffnende Rampe – nichts geschah, nur Knistern in der Luft. Dann kam jemand mit einer Armbrust in der Hand die Rampe herunter. Alle Waffen senkten sich. Die anderen kannten den Ankömmling.
Interessiert betrachtete ich die Armbrust. Das wäre eine Waffe für die ehrenvolle Jagd nach Valakare. Leider war sie nicht zu verkaufen. Ich verabschiedete mich und flog zurück nach Stanton.
Auf dem Rückflug saß ich grübelnd im Cockpit. Ich hatte die Daten von Ray – und ein Problem. Die Computer an Bord der White Rabbit waren für Verschlüsselung und sichere Speicherung von Daten ausgelegt. Und für Hacking. Nicht aber für die Analyse großer Datenmengen. Ich konnte nicht mit leeren Händen bei Ray auftauchen. Eine blutige Nase wäre das geringste, was mir blühen würde.
Nachdem ich das Wurmloch nach Stanton passiert hatte, setzte ich Kurs auf den Planeten Microtech.
Zum Glück kannte ich jemanden in New Babbage, der mir helfen konnte, jemanden, der schon öfters Daten für mich analysiert hatte: Marsden Analytics.
Die Analyse offenbarte interessantes. Der Datenstick enthielt Nachrichten aus verschiedenen Kommunikationskanälen. Keine Ahnung wie Ray die beschafft hatte. Ein Kanal hieß Palatine-Net. Darin Nachrichten zu Treffen mit einer Kontaktperson, Informationen über UEE-Aktivitäten und Missionen in Stanton, Pyro und Nyx. Und dann die letzte Nachricht im Palatine-Kanal:
- An alle Palatine: Ab sofort operieren wir unter Piraten-Flagge. Basis ABS-HJ-02.
Der Pirate-Net Kanal zeigte, dass in Basis ABS-HJ-02 Schmuggelware gelagert wurde. Die Nachrichten eines bestimmten Senders gaben Aufschluss:
- An alle Piraten: Palatine sind jetzt Teil unseres Netzwerks.
- Palatine Flagship und Pirate Raider: Ziel ist UEE-Konvoi am Sprungtor nach Pyro. Start in 1h.
- UEE plant Razzia in Nyx. Ziel: ABS-HJ-02. Wir müssen die Basis evakuieren.
- UEE hat ABS-HJ-02 zerstört. Wir schlagen zurück: Angriff auf UEE-Nachschub am Sprungtor nach Stanton.
Die Palatine hatten also die Flagge gewechselt und das UEE angegriffen. Mit diesen Erkenntnissen flog ich einen Tag später nach Sakura Sun, um Ray zu treffen.
*
In Kampfmontur und schwer bewaffnet stand er mir in der Employee Lounge gegenüber. Ich trug Zivil und war unbewaffnet. Ein klarer Nachteil. Der Geruch von gebratenen Bohnen lag in der Luft. Hoffentlich das einzige, was hier anbrennen würde. Ich legte den Datenstick auf den Tisch und erzählte von den Analyseergebnissen.

Ray machte plötzlich einen Schritt auf mich zu, die Wut im Gesicht. Sein Gesicht war so nah, dass es fast meines berührte. Ich erstarrte.
“Die Daten sind gefälscht”, fauchte er mich an.
Ich machte einen vorsichtigen Schritt zurück.
“Die Analyse ist echt. Wenn, waren die Daten falsch, die du mir gegeben hast.”
“Wer sagt mir, dass der Hacker da nichts manipuliert hat.”
Die Wut von Ray schien sich immer mehr zu steigern. Wieder verdächtigte er mich der Manipulation. Wie damals nach dem desaströsen Hoverbike-Ausflug.
“Warum sollte er?”, entgegnete ich vorsichtig. “Es gibt keinen Grund. Ich unterstütze die freien Völker.”
Die Anspannung in Rays Körper schien sich zu lösen. Erschöpft ließ er sich auf einen Barhocker fallen.
“Darauf brauche ich ein Bier.”
Ray stellte zwei Flaschen auf den Tisch. Ich nahm eine und fragte zögerlich:
“Wer sind die Palatine?”
“Die Palatine waren die ersten Siedler in Stanton. Sie waren auf der Suche nach dem heiligen Land. Es war auf Hurston versprochen. Sie hatten einen Kodex und jetzt sind sie vom Weg abgekommen. Ich bin echt sauer.”
Ray wirkte erschöpft. Wir tranken das Bier aus, dann sagte er:
“Ich hab Stealth Komponenten für dich. Ich will kein Geld, du schuldest mir einen Gefallen.”
Ein Gefallen – die häufigste Währung. Super Gelegenheit, die White Rabbit wieder mit Stealth Komponenten auszustatten. Ich schuldete Ray etwas, hatte aber auch etwas in der Hand: Informationen über seine Herkunft.
Ich kehrte nach ArcCorp zurück. Pike und Zwiebus warteten. Auf dem Flug ploppte eine offene Botschaft von Ray im Intercom auf.
Jeder der das hier empfange sei mein Zeuge:
Jeder Palatine sprach mal nen Schwur. Einen Schwur der gebrochen wurde um einen Weg einzuschlagen dem ich nicht folgen kann.
Deshalb entsage ich den Palatine meine Treue. Meine Dienste stehen diesen nicht mehr zur Verfügung. Kein Eid bindet mich und kein Schwur wird gebrochen.
Niemanden unterworfen, keiner Rechenschaft schuldig, spreche ich mich frei.
So wahr mir der Schläfer helfe.
Hintergrund der Palatine: https://robertsspaceindustries.com/en/orgs/PALATINE#history