Vergangenes holte mich in der Gegenwart ein.
Meine Ironclad war in Reparatur, die Star Runner im Stanton-System – also saß ich auf Levski fest. Eine gute Gelegenheit mich in der Station nützlich zu machen. Ich half bei Instandhaltungen im Außenbereich– wie damals, als ich zum ersten Mal hier angekommen war.
Entspannt lehnte ich am Geländer und blickte über die grauen Gebäude, die aus grauen Felsen erwuchsen. An dem hohen Turm mit den Luftschleusen hing das große Plakat: “Welcome to Levski – stronger together“. Flammen züngelten aus Schornsteinen, Asteroiden schwebten träge darüber. Früher war alles kleiner gewesen, beschaulicher. War das Fortschritt – oder Verrat an der Idee der People’s Alliance? Die Bewohner waren sich uneins.

Erinnerungen stiegen auf. An Kylo, für den ich Waren in die Station geschmuggelt hatte. Bis er ermordet wurde – und ich mit seiner Cutlass Black aus Angst, der Nächste zu sein, ins Stanton-System floh. Zwiebus hatte den Vorfall kürzlich angeschnitten. Warum wollte er die Geister von damals wecken? Manche Wahrheiten sollten unter dem Sand verborgen bleiben. Oder wusste er etwas, das auch für mich wichtig war?
Mein Handgelenk vibrierte. Die Gegenwart holte mich zurück. Eine Nachricht auf dem Mobiglas: Jendrikon würde in wenigen Minuten landen. Treffen in seinem Hangar.
Lokutus van Borg hatte verbesserte Armbrüste angeboten. Ich hatte Interesse gezeigt, und Jendrikon bot an, mir eine herzustellen. Spannend. Ich kannte ihn nicht, wusste nur, dass Zwiebus gelegentlich für ihn arbeitete. Bei Lokutus hatte ich schon gekauft, aber Ersatz war nie ein Fehler.
Wenig später betrat ich den Hangar. Eine Shiv stand darin – im Grunde eine Cutlass Black, nur aus verschiedenstem Schrott zusammengeklopft. Jendrikon reiste nicht im Luxus. Er wartete an der geöffneten Heckrampe. Sein Gesicht – es erinnerte mich an einen verstorbenen Freund. Nach einer kurzen Begrüßung zeigte er mir den Crossbow. Ich wog die Waffe in der Hand.
“Gute Arbeit. Was willst du dafür?”
“Den bekommst du geschenkt.”
Überrascht sah ich ihn an.
“Hauptsache Ray Keaton bekommt ihn nicht”, fügte er schnippisch hinzu.
Ich lachte. Ray hatte mir nach meinem Interesse bei Lokutus geraten, mich hinten anzustellen. Ich hatte erwidert, dass ich das tun würde – nachdem ich wie ein Valakaar kurz vor ihm auftauchen und wieder verschwinden würde. Und tatsächlich war ich ihm zuvorgekommen.

Zwischen uns entstand sofort eine Verbindung. Jendrikon erzählte von seinem Unternehmen und seinem verstorbenen Bruder, der eine Terrapin besessen hatte und der in seinem anderen Schiff in Pyro auf seine letzte Reise in den Zentralstern geschickt worden war. Ich kniff die Augen zusammen. Puzzleteile fügten sich zusammen. Nicht nur die Klimaanlage dröhnte in meinem Kopf. Moment mal, was hatte er gerade erzählt? Und die Ähnlichkeit.
“Redest du gerade von Hermieoth?”, fragte ich verdutzt.
“Ja, so nannten viele meinen Bruder Hermie Hendrikson. Kanntest du ihn?”
Mir stockte der Atem. Ich hatte keinen Geist gesehen, die Ähnlichkeit hatte ich mir nicht eingebildet.
“Ich muss mich setzen”, stieß ich hervor und ließ mich auf das Bett fallen.
“Weißt du etwas über die Hintergründe seines Todes?”, bohrte Jendrikon nach.
Ich sah ihn traurig an.
“Ja, ich war dabei.”
“Bin ich froh, endlich jemanden zu treffen, der mir aus erster Hand davon erzählen kann.”
“Das werde ich. Aber lass uns in den Grand Barter gehen. Ich brauche etwas Starkes.“
Im Grand Barter Bazaar besorgte ich zwei Dosen Rust. Eine gab ich Jendrikon, die andere kippte ich in einem Zug runter. Dann erzählte ich von Hermieoths Tod beim Einsatz auf Pyro IV.
“Es war ein großer Verlust”, schloss ich leise. Nach einer Pause fügte ich hinzu. “Wenn du mal Hilfe brauchst – schnelle Transporte, gefährliche Gebiete – sag Bescheid. Ich bin bei der Rust Society.”
“Da wollte ich auch Mitglied werden, die haben mich abgelehnt. Dachte ich kaufe mir ein rostiges Schiff und dann nehmen die mich.”
“Nein es geht um das Getränk Rust”, lachte ich.
Es war verrückt: Hermieoths Bruder stand vor mir – und hatte mir auch noch einen Crossbow geschenkt. Schuldgefühle drückten auf meine Brust. Die Idee, mit einem ASD-Laborkittel das Data Center auf Pyro IV zu infiltrieren, war von mir gewesen. Hermie hatte sich freiwillig gemeldet und war ohne Rüstung im Kugelhagel chancenlos gewesen. Ich wollte mich erkenntlich zeigen und gab Jendrikon meine hochwertigen Mineralien. Er nahm sie dankend an und meinte, er brauche vor allem Savrillium und Sadaryx. Hatte ich das nicht auf einem Schild in der QV Braker Station gesehen?
Jendrikon musste zurück ins Stanton-System. Für mich die Gelegenheit, meine White Rabbit zu holen. Er nahm mich mit nach Area18. Keine Minute blieb ich auf diesem verfluchten Stadtplaneten und machte mich sofort auf den Rückweg ins Nyx-System. Mein Ziel war jedoch nicht Levski. Ich erinnerte mich an die Berichte der Claw Salamanders über Valakaare auf der alten QV Braker Station. Perfekt, um den Crossbow bei einer ehrenvollen Jagd zu testen.
*

Nach erfolgreicher Jagd flog ich mit einer Trophäe zurück nach Levski. Beim Tanken auf einer abgelegenen Service Station der People’s Alliance begegnete ich viel Unzufriedenheit. Die Bewohner schimpften über den Ausschuss, der zu wenig für die Sicherheit tue. Sie müssten die Dinge selbst in die Hand nehmen. Als Beweis gaben sie mir einen kleinen Überwachungssatelliten mit Aufzeichnungen von Vanduul-Bewegungen im Nyx-System. Sogar ein Mauler-Kriegsschiff war gesichtet worden. Ich sollte den Satelliten nach Levski bringen – und die Tatenlosen aufwecken.
Abends traf ich mich mit Rebekka im Café Musain. Sie trug dasselbe „Welcome to Levski“-T-Shirt wie ich. Wir saßen in einer Ecke, der Beat vibrierte durch den Raum. Hinter ihrer getönten Brille erkannte ich Sorgen.
“Wir müssen uns auf das Schlimmste vorbereiten.”
“Sind die Aufklärungsdaten so dramatisch?”
“Angriff der Vanduul, feindliche Übernahme durch das UEE, Outlaw-Überfälle. Das sind nur die äußeren Gefahren. Innen brodelt es: Verschwörungstheoretiker, Extremisten, die eine harte Gangart wollen, Fraktionen, die sich dem UEE annähern wollen. Ich weiss nicht, ob uns das bald um die Ohren fliegt.”
Beklemmung breitete sich in mir aus. Die ruhigen Zeiten in Nyx waren vorbei, die Unabhängigkeit bedroht. Ich dachte an die Worte des alten Mannes, den ich vor meiner Abreise nach Nyx getroffen hatte: “Menschen mit einem Traum haben dafür gekämpft und es gebaut. Menschen mit dem Willen, nach Freiheit zu streben und sie nicht loszulassen.“
“Levski ist eine Oase der Freiheit, der gelebte Traum”, sagte ich leise, fast zu mir selbst. “Es lohnt sich, dafür zu kämpfen.”
Rebekka seufzte.
“Und wenn sie uns abschneiden? Wir sind auf diesem Felsen abhängig von Importen. Die Raffinerie ist das Einzige, was wir haben.”
Ich starrte ins Leere, dachte an die Corsair mit den vielen Komponenten, die ich gefunden hatte, an mein früheres Leben als Scavenger, an Jendrikon und Lokutus, die selber Dinge herstellen – und an meine Ursprünge. Ich war ein Sohn der Wüste.
“Egal was kommt”, sagte ich entschlossen. “Wir müssen auf eigenen Füßen stehen. Die Regeln der Wüste: annehmen, was sie gibt. Die Toten ehren, indem man nutzt, was sie hinterlassen.”
Rebekka runzelte die Stirn. Ich streckte meinen Rücken durch.

“Wir sammeln was andere zurücklassen, schmelzen es ein und machen Neues daraus. Niemand nimmt uns das weg. Kein UEE, keine Megakonzerne, keine Outlaws zwischen den Asteroiden. Die Geschichte darf sich nicht wiederholen. Die Menschen in Nyx dürfen nicht wieder zu Flüchtlingen werden.”
Rebekka richtete sich auf.
“Mit diesem neuen Unabhängigkeitsstreben vereinen wir vielleicht auch die People’s Alliance. Stronger Together!”
Ich nickte.
“Für die Freiheit!”