Eine Aufklärungsmission über Fraktionen in Nyx ließ mich an der Zukunft zweifeln.
Seit Tagen streifte ich durchs Nyx‑System, sprang von Service‑Station zu Service‑Station. Ein gefährlicher Blindflug durch den Keeger Belt, den äußersten Asteroidengürtel – eine undurchdringliche Suppe aus Staub, Gas und treibenden Brocken. Kaum ein Lichtstrahl fand seinen Weg hinein. Trotzdem hielt die People’s Alliance ein paar alte QV‑Stationen am Leben, wie flackernde Kerzen in einem endlosen Tunnel.
Auf den abgelegenen Stationen sprach ich mit Menschen, um Informationen für Kjeld zu sammeln – über die Moraines, die Dead Saints und die Claw Salamanders. Was ich bekam, war so undurchsichtig wie der Keeger Belt selbst.
Niemand kannte die Dead Saints. Über Moraines und Claw Salamanders wurde nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen. Zu groß die Angst, Aggressionen ausgesetzt zu sein, wenn man ihnen in die Quere kam. Beide Gruppen blieben unter sich, Informationen aus dem Inneren der Gangs blieben im Dunkeln. Nicht einmal einen Aufenthaltsort konnte ich in Erfahrung bringen.

Es war aussichtslos. Wie sollte ich jemanden finden, der nicht gefunden werden wollte? Der Glaciem Ring und der Keeger Belt umkreisten den Zentralstern von Nyx wie gigantische Trümmermeere, voller verlassener, längst vergessener QV‑Stationen. Ein bestimmtes Sandkorn in der Wüste zu finden wäre einfacher gewesen.
Dann traf ich Marta. Völlig aufgelöst, voller Sorge um ihren Freund.
„Er hat sich auf etwas eingelassen, von dem er besser die Finger gelassen hätte“, berichtete sie. „Klang wie ein harmloser Transportauftrag für die Dead Saints … und dann.“
„Sagtest du Dead Saints?“
„Ja. Ich glaube, das sind Schmuggler. Und wenn die Ware nicht ankommt, macht diese Twitch uns fertig“, schluchzte sie.
Ich richtete mich auf. „Twitch? Tecia ‘Twitch’ Pacheco?“
„Ja, so hieß sie. Kennst du sie? Kannst du uns helfen?“
Ihre Stimme überschlug sich. Ich sah aus dem Panoramafenster in die dunkelgrüne Suppe des Belts.
„Möglicherweise“, murmelte ich.
*
Das Radar zeigte nur einen Kontakt: eine Cutlass Black, schwache Energiesignatur. Ich hatte die letzte bekannte Position von Martas Freund erreicht. Verflucht. Ich hätte nicht allein kommen sollen. Doch jetzt war ich hier. Was war mit der Cutlass passiert – und mit ihm?
Ich positionierte die White Rabbit hinter dem Schiff und öffnete die Frachtrampe. Alles ruhig. Keine äußeren Schäden. Mit Martas Zugangscodes öffnete ich die Heckklappe und ging an Bord. Der halbe Frachtraum voller Container – Twitchs Ware. Ohne lange zu überlegen lud ich sie in die White Rabbit. Auf den Inhalt achtete ich nicht.

Dann sichtete ich Logbücher und Sensordaten. Der Antrieb war ausgefallen. Ein anderes Schiff hatte längsseits gemacht, war einige Minuten geblieben und dann tiefer in den Belt geflogen. Danach: keine Aufzeichnungen mehr.
Ich schloss die Augen. Nein, Zero. Tu es nicht. Bring die Fracht zur Station und gut.
Wenige Sekunden später dröhnten die Triebwerke der White Rabbit. Ich folgte den Spuren von Martas Freund.
Vorsichtig tastete ich mich durch die Dunkelheit. Riesige Asteroiden schälten sich aus dem Nichts. Ein Geisterflug durch den Nebel der Ungewissheit. Irgendwann erkannte ich etwas Gelbes an einem besonders großen Brocken. Je näher ich kam, desto deutlicher wurden Konstruktionen sichtbar – und ein riesiger Metallring, der vom Asteroiden ins All ragte. Eine kleine Raumstation hätte darin Platz gefunden.
Plötzlich ein Signal auf dem Radar. Ein Raumschiff, es stand still, bei dem Ring. Ich reduzierte die Energie der White Rabbit um unbemerkt zu bleiben. Mein Puls stieg.
Lande‑Pads tauchten auf. Auf einem stand ein Schiff. Ein Eingang. Ich umflog den Asteroiden. Überall Aufbauten, ein großes Loch wie in Levski. Schließlich fand ich ein Pad bei einem Nebeneingang. Warum durch die Vordertür gehen, wenn man hinten rein kann.
Eine Luftschleuse führte in einen Lagerraum. Der Metallboden war feucht, Eis an den Wänden. Nur das rhythmische Tropfen von Wasser. Ich behielt den Helm auf. Im schwachen Licht standen Regale und Schränke voller Ausrüstung, Lebensmittel, Munition. Sicherheitshinweise verrieten: es war eine alte QV‑Bergbaustation.
Durch einen halbtransparenten Plastikvorhang gelangte ich in einen weiteren Raum. Eine Metalltreppe führte nach unten. Im Halbdunkel war kaum etwas zu erkennen. Hinter Kisten – etwas. Jemand. Ich schaltete die Helmlampe ein.
Der Lichtkegel offenbarte eine Gestalt. Langer brauner Umhang, Kapuze, weiße Maske. Sah aus wie ein Geist – mit einer Waffe. Sie starrte mich an. Keine Reaktion.

„Hallo“, rief ich.
Ein Schuss. Die Kugel prallte an meiner Rüstung ab. Ich sprang hinter eine Metallplatte. Der Hall des Schusses verstummte. Stille. Vorsichtig lugte ich hervor. Der Geist hatte sich hinter Kisten verschanzt. Ich legte an, wartete. Die weiße Maske tauchte auf – ich drückte ab.
Vorsichtig ging ich die Treppe hinunter. Der Geist war ein Mensch, reglos. Ich nahm seine Ausrüstung und verstaute sie.
Eine weitere Treppe führte nach oben durch eine Eishöhle. Es wurde noch kälter. Dicke Eiszapfen hingen von der Decke. Vorne etwas Weißes. Noch eine Maske? Ich schoss. Der weiße Fleck rührte sich nicht. Durchs Zielfernrohr erkannte ich: eine Lampe. Meine Fantasie spielte mir Streiche.
Nach einem niedrigen Durchgang erreichte ich eine weitere Eishöhle voller Bergbau-Equipment. Am anderen Ende standen Wachen. Erinnerungen an die Onyx-Anlage wurden wach. Warum hatte ich mich schon wieder in so eine Situation gebracht? Ich blieb in Deckung, stellte mein Karna Sturmgewehr auf Einzelschuß, maximale Feuerkraft auf Distanz. Fiepend lud sich das Gewehr auf – Plop. Eine Wache fiel. Fiepen – Plop. Die zweite erwischt.

Beim Plündern der Wachen hörte ich einen Funkspruch:
„Der Eindringling aus der Cutlass wurde in Operations gebracht.“
Im Umhang einer Wache fand ich einen Lageplan. Operations lag direkt am Metallring. Ich verließ die Höhle über die Luftschleuse und schwebte im EVA den Ring entlang. Eine Bahn führte an ihm entlang, mehrere gigantische Bergbau‑Laser waren montiert. Die Anlage war gewaltig.
Operations war ein großer Container mit Fenstern. Schon aus der Entfernung sah ich Helmlampen auf der Plattform vor dem Eingang. Sie bewegten sich wie Ameisen. Was ein Scheiß. Musste das sein? Besser als ein Nahkampf. Aber nicht einfach im EVA aus der Distanz. Es brauchte mehrere Minuten und Magazine, bis sich keine Lampe mehr bewegte.
Ich betrat die Luftschleuse. Das innere Schott öffnete sich zischend. Mehrere Masken blickten mich an. Ein Moment der Starre – alles wie eingefroren. Ich warf eine Granate, suchte Deckung und wartete. Ein Knall, Schreie, Stille. Jemand fluchte. Ich schaute ums Eck. Erst traf mein Laserpointer die Maske, dann das Plasma-Geschoss. Endgültig Ruhe. Nur das Surren der Computer.
Operations war die Schaltzentrale. Server‑Racks, Monitore, Waffenschränke. ‘QV Operations’ prangte an der Wand. Durch die Panoramascheibe sah ich den Ring. Eine Treppe führte in einen Aufenthaltsraum. Dort lag Martas Freund – tot.
Über einen Laptop erhielt ich Zugang zu den Servern. Die Maskierten waren die Claw Salamanders. Sie hatten mehrere alte QV‑Braker‑Stationen im Belt übernommen. Was sie wollten, was sie taten, blieb unklar.

Unauffällig zog ich mich zurück und brachte Twitchs Fracht zur Service‑Station. Marta überbrachte ich die schlechte Nachricht. Wenigstens war sie nicht mehr in Twitchs Fokus.
Zurück in Levski ließ ich mich mit einem Rust auf das Sofa in meinem Hangar fallen und dachte über Nyx nach. Eine Oase der Freiheit sollte es sein, unter Kontrolle der People’s Alliance. Und jetzt? War es nicht nur eine Grenze zwischen Vanduul und UEE, sondern ein Schauplatz für Machtspiele. Gangs tummelten sich zwischen den Asteroiden: Claw Salamanders, Moraines, Shattered Blades. Twitch weitete ihren Einfluss von Stanton bis hierher aus. InterSec agierte als Stellvertreter des UEE. Das UEE griff nach Nyx, Genesis terraformte ungefragt Nyx I, und die Vanduul verstärkten ihre Angriffe.
Wohin führte das? Würden Freiheit und People’s Alliance zerrieben? Oder zerrieben sie sich in ihrer Uneinigkeit über die Haltung gegenüber dem UEE selbst?
Einige Tage später übergab ich Kjeld die gesammelten Informationen – und einen Helm der Claw Salamanders und der Shattered Blades.
Von Aufregung und Schießereien hatte ich genug. Ich sehnte mich nach einem entspannten Transportauftrag. In den Auftragslisten der People’s Alliance wurde ich fündig.