Log #298 – Schockierender Fund

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Wir waren auf der Suche und fanden mehr, als uns lieb war.


Kerzen warfen ein flackerndes Licht auf den Sockel der Statue von Anthony Tanaka – dem Symbol des revolutionären Geistes und der Freiheit in Levski. Ich saß entspannt auf einer Bank und lauschte dem regen Treiben. Gespräche über das UEE und die Zukunft des Nyx-Systems erfüllten den Platz. Die People’s Alliance war nach wie vor gespalten in der Haltung gegenüber dem UEE.

Pike tauchte plötzlich auf und wirkte gehetzt.

“Da bist du ja Zero. Los! Zwiebus brauch unsere Hilfe.”

Ich blickte auf. 

“Wo ist er?”

“Im Stanton-System.”

“Ah – da könnten wir auf dem Weg….”

Pike schüttelte energisch den Kopf.

“Nein, es eilt.”

Mit einer leeren Ironclad nach Stanton zu fliegen, fühlte sich seltsam an. Auf dem langen Weg erzählte Pike, dass er, Zwiebus und Jendrikon erfolglos versucht hatten, Komponenten aus einem Lager auf dem Planeten Hurston zu klauen. Dabei hatten sie die ‘Anthony Tanaka’, die Asgard von Zwiebus, verloren. Vermutlich von Hurston Security beschlagnahmt. Sie brauchten meine Hacker-Fähigkeiten, um sie zu finden. Ich musste daran denken, wie ich meine ‘White Rabbit’ aus den Fängen von Hurston Security zurück geklaut hatte.  

Nachdem wir in Stanton angekommen waren, trafen wir Zwiebus auf der Orbitalstation Everus Harbor. Er trug einen Overall mit Hurston-Dynamics-Emblem.

“Bist du übergelaufen?”, fragte ich schnippisch.

Zwiebus sah mich grimmig an.

“Nein, ich habe mich unter die Arbeiter gemischt und versucht herauszufinden, wo mein Schiff sein könnte.”

“Gute Idee”, sagte ich anerkennend. “Mit lokalen Outfits fallen wir weniger auf. Auf dem Cargo Deck bekommen wir, was wir brauchen.”

“Geht schon mal vor”, empfahl Pike. “Ich muss in der Klinik noch was organisieren.”

Pike verhielt sich seltsam. Lag es daran, dass wir an den Ort seiner Flucht zurückgekehrt waren? Oder steckte mehr dahinter?

Auf dem Cargo Deck schlüpfte ich in typische Hurston-Klamotten. Zwiebus nickte zufrieden. Plötzlich ertönte eine harsche Stimme hinter uns.

„Die Herren! Folgen Sie mir.“

Erschrocken wirbelten wir herum. Vor uns stand ein Mann mit langem Mantel, Oberlippenbart und streng zurückgekämmten Haaren. Er wirkte wie ein Fremdkörper auf dem Cargo Deck, passte eher in den Business District von Lorville. 

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und steuerte zielstrebig einen dunklen Winkel zwischen zwei Hochregalen an. Zwiebus und ich schauten uns fragend an und folgten. Was sollte uns mitten im Trubel des Cargo Decks schon passieren? Außerdem waren wir zu zweit und dem Schnösel körperlich überlegen.

Zwischen den Regalen kam der Fremde ohne Umschweife zur Sache. 

„Mein Name ist Merrick. Und ich habe einem von Ihnen beiden einen Datenträger zu übergeben.“

„Ach, Sie sind Merrick!“, rief Zwiebus überrascht. „Ich war es, der versucht hat, Sie zu kontaktieren! Über Pike!“

Merrick musterte Zwiebus.

„Ich habe die Originalakte der Levski-Security für sie.” Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. “Auf ihrem Rückweg nach Levski nehmen sie Dissidenten mit. Sie warten in Cryopods am Teasa Spaceport.”

Endlich fiel bei mir der Groschen. Merrick war ein ehemaliger Kollege von Pike bei Hurston Security und wie Pike vor den Klauen des Megakonzerns geflüchtet. Vor einigen Monaten hatten wir bereits Flüchtlinge in Cryopods aus Lorville geschmuggelt. Damals hatte Merrick alles vorbereitet.

So mysteriös wie er auftauchte, verschwand Merrick wieder. Alleine blieben wir zwischen den deckenhohen Regalen zurück. Die Arbeiten auf dem Cargo Deck dröhnten im Hintergrund wie das Rauschen des Meeres. Ich stemmte die Hände in die Hüfte und fragte streng.

“Bitte was für eine Akte der Levski-Security?”

Noch bevor Zwiebus antworten konnte, erschien Pike. 

“Da seid ihr ja, ich hab euch gesucht.”

“Wir haben Merrick getroffen und haben die Akte”, rief Zwiebus.

“Psst”, zischte Pike. “Nicht in der Öffentlichkeit.”

Wir zogen uns in einen kleinen versteckten Raum hinter Containern zurück. Er war gemütlich eingerichtet mit roten Sofas, Lampions und Spielautomaten. Kisten und Bierflaschen lagen überall herum.

“Was ist das hier?”, fragte Zwiebus.

“Das Gewerkschaftscafé”, antwortete Pike. “Hier treffen sich die Arbeiter, um ungestört reden zu können.”

Wir setzten uns und Zwiebus begann zu erzählen.

“Ich hatte doch mal erwähnt, dass ich früher bei der Ermittlung in einem Mordfall auf Levski geholfen hatte. Diese Drogensache. Das ist die Ermittlungsakte.”

Ich erinnerte mich an das Gespräch. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Es musste sich um die Ermordung von Kylo handeln. Ich hatte damals im Wartungsteam gearbeitet und Waren für Kylo in die Station geschmuggelt – bis er ermordet wurde und ich ins Stanton System floh. Angst, dass meine damalige Rolle ans Licht kam, und die Neugier auf den Mörder Kylos durchströmten mich gleichermaßen. Ich wusste, dass Zwiebus nichts von Drogen hielt und blieb zurückhaltend.

“Lass uns auf deine Asgard konzentrieren. Auch meine Star Runner wurde mal von Hurston Security in Beschlag genommen. Sie sollte an einen reichen Typen in Lorville verkauft werden. Deshalb hat sie jetzt diese schwarz-goldene Lackierung.”

Zwiebus nickte.

“Du hast recht. Ich hab von den Arbeitern erfahren, dass beschlagnahmte Schiffe vor den Toren von Lorville geparkt werden.”

“Mmh”, überlegte ich. Das Sofa knarrte, als ich tiefer in die Lehne rutschte. “Ich könnte mich beim Schiffshändler in Lorville in ein Terminal hacken und schauen, welche Schiffe für den Verkauf vorbereitet werden und wo die stehen.”

Wir machten uns auf den Weg und flogen mit der ‘Rusty Brick’ auf die Planetenoberfläche. Der Schiffshändler New Deal befand sich direkt am Teasa Spaceport. Es war nur ein kurzer Weg vom Hangar zu den Verkaufsräumen, aber dieser war gespickt mit Kameras und Wachen. Obwohl meine Akte bei Hurston längst bereinigt war, betrat ich Lorville mit mulmigem Gefühl.

Vor den Verkaufsräumen waren mehrere Schiffe ausgestellt. Ich ging achtlos daran vorbei.

„Da steht eine Phoenix!“

Pike bog sofort ab.

Mist. Dafür hatten wir keine Zeit. Trotzdem folgten wir ihm.

An Bord bestaunten Zwiebus und ich die luxuriöse Bar, als Pike in Unterhose an uns vorbei rannte. Seine nackten Füße klatschten auf dem edlen Holzboden. Er verschwand um eine Ecke, dann ertönte das Platschen von Wasser aus der Richtung. Irritiert gingen wir der Sache nach. Ich traute meinen Augen nicht. Völlig entspannt saß Pike in einem Whirlpool und freute sich wie ein kleines Kind. Kurz darauf saßen wir alle im Pool und vergaßen für einen Moment alle Sorgen und Gefahren.

Doch der Moment der Entspannung währte nur kurz – wir hatten eine Mission. Wieder angezogen marschierten wir über einen blauen Teppich in die Verkaufsräume. Hinter einem Tresen thronte ein Mann in feiner Hose, Hemd und Krawatte. Sofort richtete er seine Aufmerksamkeit auf uns. Ich sprach ihn an.

“Guten Tag. Ich bin Transportunternehmer und möchte eine Golem OX erwerben. Diese beiden Herren sind meine Mechaniker. Bitte erklären sie ihnen alle technischen Details und notwendigen Wartungsarbeiten. Ich werde mich in der Zwischenzeit etwas umschauen, vielleicht gibt es noch mehr Interessantes.“

Während Zwiebus und Pike den Verkäufer mit Fragen eindeckten, verschwand ich zwischen den Ausstellungsstücken. Ein kurzer Blick zurück genügte: Er war beschäftigt. Meine Gelegenheit. Der Tresen war als Viereck angeordnet, an drei Seiten waren Terminals, hinten ein Eingang. Niemand sonst war in den Räumen. Ich huschte hinter den Tresen und hackte mich in ein Terminal. Im Hintergrund hörte ich wie Zwiebus und Pike wild auf den Verkäufer einredeten. Nervös schaute ich über die Schulter. Er war abgelenkt. Innerhalb einer Minute hatte ich was ich suchte. Die Asgard von Zwiebus befand sich am Gate 6.

Um einen seriösen Eindruck zu hinterlassen, kaufte ich die Golem OX. Im Hangar verluden wir sie zusammen mit den Cryopods in die Ironclad. Dann trennten wir uns. Zwiebus und Pike fuhren mit der Metro zum Gate 6, ich startete und verließ Lorville. Wir vereinbarten uns in Grim Hex zu treffen. Bis zur Ankunft der beiden wollte ich nach einer Möglichkeit suchen, um die Transponder der Asgard umprogrammieren zu lassen.

*

Einige Stunden später saß ich nervös in Grim Hex in der old38 Bar. Vor mir stand bereits die fünfte Whisky-Cola. Zwiebus und Pike waren bisher nicht aufgetaucht. Wurden sie von Hurston Security geschnappt? Ich wusste nicht was ich tun sollte und bestellte eine weitere Whisky-Cola. Mike saß mir gegenüber. Er hatte einen Deal eingefädelt. GrimNeck Repair würde die Transponder umprogrammieren. Als Gegenleistung verlangte er, dass ich eine größere Ladung Organics von Orison nach Pyro schmuggelte. Ich stellte keine Fragen.

Dann endlich stolperten Zwiebus und Pike wild durcheinander redend in die Bar. Die Asgard war nicht mehr am Gate gewesen. Sie wartete bereits in einem Hangar auf den Käufer. Es war ihnen gerade noch gelungen, sie zurück zu klauen.

“Zero”, begann Zwiebus etwas verdruckst. “Die Ermittlungsakte hat einen Zugriffsschutz. Da könnte ich deine Hilfe brauchen.”

Er legte den altertümlichen Datenstick auf den Tisch. Ich trank die Whisky-Cola in einem Zug leer, stellte das Glas auf den Tisch und starrte es an. Wollte ich den Zugang zu der Akte ermöglichen, oder sollte die Vergangenheit besser unter dem Sand verborgen bleiben? Auf der anderen Seite war es eine Chance, endlich zu erfahren, wer Kylo ermordet hat.

“Ok”, brummte ich. “Aber steck das Ding weg. Du bist echt leichtsinnig. Und vorher müssen wir in den Elektroladen. Ich brauch ein paar Sachen, um mich in das alte Teil zu hacken.”

Der Elektroladen auf Grim Hex war ein chaotisches Sammelsurium alter Elektronik und Hacking-Equipments. Ich suchte in den Regalen und fand, was ich brauchte. Dann gingen wir in den Hangar und setzten uns in das Mannschaftsquartier an Bord der ‘Rusty Brick’.

Zwiebus reichte mir den Datenstick. Ich verband ihn mit einem Tablet und schaltete die Hardware aus dem Elektroladen dazwischen. Nach wenigen Sekunden erschien das offizielle Logo der Levski-Security, darunter ein Aktenzeichen und eine Asservatennummer.

„Richtig! Das ist das elektronische Deckblatt dieser Akte!“, rief Zwiebus erwartungsvoll.

Ich öffnete die Datei und erstarrte. Mir gefror das Blut in den Adern. Auf dem Tablet war das Bild einer Person in Raumanzug und Helm zu sehen, die in einem Stollen auf dem Boden lag. Es war das gleiche Bild, das damals in der öffentlichen Meldung über Kylos Tod zu sehen war.

“Kylo”, stieß ich unterdrückt hervor.

“Kennst du den?”, fragten Pike und Zwiebus unisono.

“Ja”, sagte ich gedämpft. “Ich war damals im Wartungsteam und konnte ohne Zollkontrolle nach Levski rein. Kylo hatte Sachen aus Stanton nach Levski geschmuggelt. Bei Außenarbeiten nahm ich sie entgegen und brachte sie in die Station. Es war ein lukrativer Nebenjob.”

„Und was war das?“, fragte Zwiebus mit gereiztem Unterton. „Hast du auf Levski etwa mit Drogengeschäften zu tun gehabt?“

„Kylo hat mir nie gesagt, was in diesen Paketen war. Ich hab keine Fragen gestellt. Mach ich bis heute nicht bei solchen Geschäften.“

Zwiebus holte tief Luft, nahm das Tablet und blätterte durch die Akte. 

„Zero, ich will jetzt beim besten Willen nicht darauf herumreiten, dass ich absolut nicht damit einverstanden bin, was du früher mit Kylo für Geschäfte gemacht hast. Das ist jetzt nicht Thema. Was mich aber an der ganzen Sache wirklich fuchst, ist das seltsame Verhalten von Cabassa und der gesamten restlichen Bagage der Levski-Security.“

“Wer ist Cabassa?”, fragte Pike.

“Onro Cabassa war damals der Sicherheitschef. Er hatte mich brüsk daran gehindert, die Ermittlungen zu vertiefen. Irgendwas wollte er verbergen.”

Zwiebus drehte das Tablet und zeigte uns ein Bild. Ein bartloser Mann um die dreißig. Seine Augen waren geschlossen. Auf seiner Stirn war ein tiefes, großes X. Scheinbar mit einem scharfen Messer hineingeritzt – postum.

“Ich war mir damals schon sicher, dass es ein Ritualmord war, durfte dem aber nicht nachgehen. Mir war es wichtig, dass dieses Drogenproblem auf Levski verschwindet, deswegen war ich vorübergehend Mitglied der Ermittlungsgruppe. Aber vertuschte Morde oder absichtlich unaufgeklärte Tötungsdelikte lassen mich an der Integrität der Sicherheitsorgane von Levski ernsthaft zweifeln!“

Pike blickte mit ernster Miene in die Runde. 

„Zwiebus, ich kann dir sagen: Sicherheitsorgane entwickeln immer eine seltsame Eigendynamik. Ich kann davon ein Lied singen.”

Ich nahm das Tablet und betrachtete das Bild. Kylo hatte ich nie ohne Helm gesehen.

Gedankenversunken erzählte ich, ohne meinen Blick vom Tablet zu nehmen.

“Ich hab damals für Recco Battaglia kleine Pakete von Stanton nach Levski gebracht. Die musste ich dann beim Drogen-Chemiker Wallace Klim abgeben. Nach dem Tod von Kylo hatte Wallace den Drogenmarkt in Levski voll im Griff. Recco organisierte alle Transporte nach Levski, auch die, die nicht über offizielle Kanäle gingen. Ich hatte immer geglaubt, ein Konkurrent hatte Kylo ermordet, um seine Geschäfte zu übernehmen. Recco und Wallace hatte ich im Verdacht. Auf der anderen Seite wollte ich beiden keinen Mord zutrauen. Aber was, wenn doch offizielle Stellen in Levski mit drin steckten? Das wäre ein Skandal.“

Während ich erzählte, untersuchte ich die Dateien. Plötzlich wurde ich stutzig. Etwas stimmte nicht, Prüfsummen und Metadaten der Dateien passten nicht zusammen.

„Leute – diese Akte ist manipuliert worden!“, stellte ich entsetzt fest. “Jemand hat versucht, das Bild mit Kylos Gesicht aus der Akte zu löschen. Das kann nur jemand von der Security. Der Idiot ist aber stümperhaft vorgegangen. Die automatisierte Sicherung hat das Bild wiederhergestellt.”

Fassungslos saßen wir am Tisch und sprachen kein Wort. Warum sollten offizielle Stellen in Levski die Hintergründe von Kylos Mord vertuschen? Das war die People’s Alliance und nicht die korrupten Konzerne in Stanton. Das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein.

Ich war der erste, der wieder Worte fand.

“Ok, dem müssen wir nachgehen. Ich fliege sofort nach Levski und bringe unsere tiefgefrorenen Passagiere in ihre neue Heimat. Ihr kommt nach, sobald die Transponder umprogrammiert sind.”

Beide stimmten schweigend zu. Es war ein Skandal. Wütend, entsetzt, fassungslos stand ich an der Reling der Ironclad, während Pike und Zwiebus von Bord gingen – dann startete ich. Wenn das stimmte, korrumpierte es die Ideale der People’s Alliance. Es beschmutzte die Statue und das Andenken an Anthony Tanaka.


Die Ermittlungsakte (Credits an Zwiebus und Pike):