Kylos Ermordung war lange her. Ich nahm trotzdem die Spur auf. War es eine Verschwörung?
Lustlos stocherte ich in den Nudeln. Der Barhocker wurde mit der Zeit auch nicht bequemer. Stöhnend verlagerte ich das Gewicht von einer Gesäßbacke auf die andere.
“Schmeckt’s nicht?”
Ich blickte auf. Der Verkäufer des Nudelstandes auf dem Grand Barter Bazaar musterte mich mitleidig. Erst jetzt drang das Stimmengewirr des Basars wieder zu mir durch.
“Äh doch. Keinen Appetit. Bin in Gedanken.”
Er lächelte, nahm die halbvolle Nudelbox und stellte mir ein Schmolz vor die Nase.
Ich starrte auf die Zeitung vor mir, als wenn sie meine Fragen beantworten würde. Wie sollte ich einen Cold Case lösen? Kylos Ermordung lag Jahre zurück, war längst vergessen, bis die Ermittlungsakte auftauchte. Doch die Akte war manipuliert worden. Warum beim Propheten wollte jemand, dass bestimmte Informationen verschwinden? Welche besonderen Hintergründe gab es bei Kylos Ermordung? Machte es überhaupt Sinn der Sache nachzugehen? Wir hatten Skandal um Skandal aufgedeckt, geändert hatte sich trotzdem nichts. Aber diesmal war es etwas Persönliches. Kylo war mehr gewesen als nur ein Kontakt. Er hatte mir seine Cutlass Black hinterlassen. Ohne ihn wäre ich vielleicht nie Pilot geworden und hätte die unendlichen Möglichkeiten im Verse gesehen.

Damals hatte ich bereits ohne Erfolg versucht, den Mörder von Kylo zu finden. Meine Vermutung war: ein Konkurrent, jemand der Kylos Drogengeschäfte übernehmen wollte. Wallace und Recco hatte ich damals im Verdacht, aber nicht ernsthaft. Und wenn es noch schlimmer war? – Jemand vom Ausschuß, oder der damalige Sicherheitschef Cabassa. Nein, das konnte nicht sein, es hätte die Ideale der People’s Alliance mit Füßen getreten.
Und wenn doch? Ich musste herausfinden, wer der Mörder war. Aber wo fing man an, einen so alten Fall aufzurollen, vor allem wenn die Akte frisiert war? – mit den Leuten von damals reden. Ich trank das Schmolz in einem Zug leer, knallte die Flasche auf den Tresen und sprang vom Hocker.
Fünf Minuten später war ich bei Recco. Sie stand hinter ihrem Tresen, ein blaues Banner mit dem Abzeichen der People’s Alliance und dem Spruch “Stronger Together” hing davor.
“Zero! Was gibt’s?”, rief sie mir entgegen. “Freut mich, dass du die Klamotten der Familie trägst.”
Ich trug einen Overall mit dem Emblem der People’s Alliance. Recco hatte ihn mir gegeben – damit ich weiss wohin ich gehöre. Ich kam direkt zur Sache.
“Ich hab eine Frage zu damals. Die Kisten aus Stanton, die ich in deinem Auftrag nach Levski brachte. Warum mussten die eigentlich zu Wallace in die Drogenküche?”
Recco setzte einen Hundeblick auf.
“Ja weisst du – das waren Aufputschmittel für die hart arbeitenden Minenarbeiter. Ich wollte sie vor einem Unfall wie ich ihn hatte bewahren. Immer voll konzentriert sein, weißt du. Aber der Ausschuss hatte das nicht unterstützt. Deshalb musste es heimlich sein und bei Wallace war ein gutes Versteck. Du weisst doch, ich tue alles, um die Familie zu beschützen.”
Reccos Blick wurde traurig. Sie fuhr mit leiser Stimme fort.
“Leider kann ich nicht alle beschützen. Isaac…”. Sie schluckte, rang nach Worten. “Seine Eltern haben ihn dazu erzogen, an das zu glauben, was wir hier erreichen wollen. Aber er hat seinen Glauben an unsere Sache verloren. Er lief zu den Moraines über und half dabei, unsere Transporte zu überfallen. Ich hab versucht ihn zurückzuholen…”

Recco stöhnte schmerzvoll.
“Isaac kam dabei ums Leben.”
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, nickte, drehte mich um und ging. Entweder sagte sie die Wahrheit. Oder sie war verdammt gut darin zu lügen. Ich glaubte ihr, oder war das naiv?
Vielleicht brachte mich Wallace weiter, aber er lebte inzwischen im Stanton-System. Vielleicht die perfekte Ausrede für ein heißes Bad im Spa auf Orison. Außerdem hoffte ich, in Cousin’s Crows endlich Abnehmer für meine geborgenen Komponenten zu finden. Ray Keaton war abgesprungen, seitdem saß ich auf dem scheiß Zeug.
Abends war ich beim Stammtisch von Jendrikon. Ich versuchte den Fall Kylo anzuschneiden, doch Zwiebus blockte ab. Jendrikon, Pike und Zwiebus waren bald sturzbetrunken und keine Hilfe. Also machte ich mich alleine mit der Star Runner auf den Weg ins Stanton-System. An Bord hatte ich sehr wertvolle Fracht. Geschwindigkeit, Stealth-Eigenschaften und Krypto-Server meiner White Rabbit konnten noch von Nutzen sein.
Unterwegs machte ich in Sunset Mesa Halt, um meinen alten Freund Gerald zu besuchen. Wir standen auf dem Dach eines Gebäudes und tauschten Informationen aus. Warmer Staub lag in der Luft. Es tat gut, die Wüste von Monox wieder zu spüren. Ich atmete ihren Geruch tief ein. Sie fehlte mir. Doch ich konnte nicht bleiben.
Wenige Stunden später erreichte ich den Sprungpunkt von Pyro nach Stanton. Die White Rabbit trieb zwischen zerfetzten Asteroiden auf das Wurmloch zu. Dann blinkte ein Kontakt auf. Dreizehn Kilometer. Direkt am Sprungpunkt. Corsair. Mir wurde heiß. Das Schiff hing reglos zwischen Felsbrocken, als würde es auf etwas warten. Auf mich? Wurde ich verraten?
Meine Finger flogen über die Armaturen. Antrieb runter. Lebenserhaltung runter. Kühler runter. Radar runter. Die Signaturanzeige sank, aber nicht weit genug. Verdammt. Die Corsair konnte mich immer noch orten. Ich presste die Lippen zusammen. Es gab nur noch eine Möglichkeit. Schilde aus. Für einen Herzschlag zögerte ich. Dann legte ich den Schalter um. Das Summen der Schilde verstummte. Die Signatur brach ein. Erfassungsbereich unter zwei Kilometer.
Die White Rabbit – Schutzlos. Aber unsichtbar.

Ich zwang mich, ruhig zu atmen, während die Corsair langsam durchs Cockpitfenster nach achtern wanderte. Jeder Meter fühlte sich zu kurz an. Die Corsair blieb reglos. Vier Kilometer. Fünf. Keine Reaktion. Erst als das Wurmloch die Sichtscheibe ausfüllte, löste sich der Knoten in meinem Magen. Die White Rabbit tauchte ein.
Sicher erreichte ich das Stanton-System, verkaufte meine wertvolle Fracht und steuerte Grim Hex an. Ich fiel aus dem Quantumtunnel. Grim Hex und der Asteroidengürtel von Yela lagen vor mir. Gleichzeitig erwachten drei Kontakte auf meinem Radar. Corsair. Constellation. Perseus. Geballte Feuerkraft. Mir rutschte das Herz in die Magengrube. War es die gleiche Corsair, die schon in Pyro am Sprungpunkt gelauert hatte? Vielleicht war das alles doch kein Zufall. Noch bevor ich den Gedanken zu Ende bringen konnte, fächerten die Schiffe auseinander. Abfangkurs. Scheiße. Mein Blick pendelte zwischen Radar und Frontscheibe. Überall Asteroiden. Dunkle Brocken, groß genug, um sich dahinter zu verstecken. Wegspringen? Nein. Nicht nach all dem Aufwand. Ich zog Energie aus den Systemen und kappte die Schilde. Die Sekunden krochen dahin. Dann änderten die Kontakte ihren Kurs. Suchmuster. Ich atmete aus. Sie hatten mich verloren. Solange ich zwei Kilometer Abstand hielt, konnten sie mich nicht erfassen.
Ich änderte den Kurs. Weiter Bogen um die Schiffe. Immer wieder ging mein Blick nach links. Genug Abstand? Plötzlich wurde es dunkel. Der Schatten des Mondes Yela, die Asteroiden, nur noch schemenhaft zu erkennen. Die Navigation wurde schwieriger.
Schließlich hatte ich Grim Hex umflogen. Plötzlich Kursänderung der Corsair – direkt nach Grim Hex. Verflucht. Sie ging bei den Hangartoren in Stellung. Ich drehte das Steuerrad. Grim Hex wanderte in meinem Sichtfeld nach rechts. Nach einigen Sekunden drehte ich das Steuerrad erneut, die White Rabbit schwenkte wieder auf Grim Hex ein. Ein schmaler Spalt zwischen zwei Felsbrocken lag direkt voraus, in der Dunkelheit kaum zu erkennen.
Ich prüfte die Position der Corsair. Sie hing noch immer drei Kilometer vor den Hangartoren. Jetzt. Ich griff fester ins Steuer. Der Spalt zwischen den Asteroiden wirkte plötzlich viel schmaler als eben noch. Langsam. Nicht verkrampfen. Die White Rabbit rollte auf die Seite. Vor mir fraßen sich schwarze Felswände auf die Cockpitscheibe zu. Zu nah. Viel zu nah. Ein Felsbrocken schabte direkt über dem Cockpit entlang. Instinktiv zog ich den Kopf ein. Blödsinn. Trotzdem blieb ich geduckt, bis sich der Durchgang öffnete und die Hangartore vor mir auftauchten. Landegenehmigung. Ein Tor glitt auf. Die Star Runner schlüpfte hinein. Touchdown. Ich sackte im Pilotensitz zusammen und streichelte über die Armaturen. Meine White Rabbit, gut dass ich sie hatte.
Ohne Umschweife ging ich zu Wallace. Der alte Drogen-Chemiker sah aus, als hätten seine eigenen Drogen ihn von innen aufgefressen. Schwarze Adern zeichneten sich unter der Haut ab, Schweiß glänzte auf seinem kahlen Kopf. Noch im Gehen warf ich ihm meine erste Frage scharf entgegen.
“Hast du mich erwartet?”
Er starrte mich grimmig an.
“Dich erwartet? Warum sollte ich? Hast dich lange nicht blicken lassen! Hab dich schon vergessen.”
Wahrscheinlich wegen des Drogenkonsums vergessen. Ich nahm die Schärfe aus meiner Stimme.

“Warum hast du Levski verlassen und bist nach Grim Hex?”
“Beschissene Frage. Warst doch auch dort. Von wegen Egalité. Galt nicht für alle. Dieser Sicherheitschef…”
Wallace rieb sich mit den Händen über den Kopf.
“Cabassa”, ergänzte ich.
“Vermutlich. Der war Scheisse. Hätte mich umgebracht.”
Hatte doch der damalige Sicherheitschef mit dem Mord zu tun? Nein, daran wollte ich nicht glauben. Vielleicht war es doch ein Konkurrent.
“Wer hat damals Jumptown dominiert?”
Wallace schaute mich entgeistert an.
“Jumptown? Ist in Rauch aufgegangen. Bei den Jumptown Wars.”
“Jumptown gibt es nicht mehr?”
“Doch auf Daymar.”
Es war schwer mit dem zugedröhnten Wallace zu reden. Ich konnte ihm noch eine Wegbeschreibung entlocken, dann gab ich genervt auf. Ich musste mit Zwiebus sprechen, außerdem wartete der Spa in Orison.