Log #297 – Aufklärung

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Wir beschafften Informationen zu den vermehrten Angriffen in Nyx.


Blaues Licht füllte das Command Modul der Ironclad. Die Staubbänder des Glaciem Rings ragten links und rechts wie gigantische Schwingen in die Unendlichkeit. Asteroiden zogen lautlos an der Cockpitscheibe vorbei. Direkt voraus, der größte Brocken – Delamar. Nach Wochen in den Tiefen des Alls kehrte ich nach Levski zurück. Ein warmes Gefühl von Heimkehr stieg in mir auf. War Levski mein Zuhause? Vielleicht. Im Moment kam es dem zumindest am nächsten. 

Im Frachtraum lagen die Schiffskomponenten und Container aus meinen letzten Bergungen.  Die Waffen hatte ich schon bei Hektor auf Theta abgegeben. Der Rest war für die People’s Alliance. Ein paar besonders wertvolle Teile würde ich selbst nutzen oder teuer verkaufen. 

Ich reckte meinen Kopf über das Armaturenbrett. Das Bohrloch kam in Sicht. Eine Gänsehaut zog sich über meinen Körper. Der große Schriftzug “HOPE IS HERE” – mir wurde warm ums Herz. Es knackte im Funk – Landegenehmigung. Kräftig drückte ich das Steuerrad nach vorne. Die Nase der Ironclad senkte sich und tauchte in das Bohrloch ein. Das Hangartor in der Seitenwand des Lochs kam näher. Sanfte Korrekturen brachten den Koloss auf den finalen Anflug-Vektor. Dann glitt er in den Hangar.

Wenig später stand ich in einem dicken Mantel im Café Musain an der Bar und umklammerte eine Tasse mit einem Heißgetränk. Gut riechender Dampf stieg mir in die Nase. Ich schloss die Augen, als die warme Flüssigkeit wohltuend meine Kehle hinab floss. Ich atmete tief ein und aus und ließ mich im Moment treiben. Zwischen der Musik mischten sich Gesprächsfetzen. 

“Axel hat mich beschuldigt, ein UEE Spion zu sein. Das wäre der einzige Grund, warum jemand wie ich nach Nyx gekommen sei. Verdammt, wenn alle so denken, bekäme die Allianz keine neuen Mitglieder.”

“Und ich hab zu wenig Leute in meinem Team, nachdem Bob und Tilfer beschlossen haben ins UEE zurückzukehren. Wie kann jemand so viel Zeit investieren, den Traum aufzubauen und dann einfach aufzugeben.”

“Ganz einfach, wegen der ständigen Angriffe. Die Allianz muss proaktiv gegen diese Bedrohung durch die Vanduul vorgehen. Wenn wir alle nur herumsitzen und darüber diskutieren, was zu tun ist, wird es zu spät sein. Wir brauchen das UEE.”

“Du weißt doch, dass wir es mit den Vanduul zu tun haben, weil das UEE diesen idiotischen Krieg angezettelt hat. Hätten sie sie doch einfach in Ruhe gelassen und sich vielleicht auf die Lösung echter Probleme konzentriert – aber nein, sie können ihre Macht nur aufrechterhalten, indem sie die Leute mit einem großen Krieg ablenken. Jetzt sind wir es, die den Preis dafür zahlen.”

“Und der Preis wird noch viel höher werden, wenn sie das Nyx-System erst übernommen haben. Ihre gierigen Finger greifen schon danach.’

“Meine Familie hat bei der Gründung von Levski mitgeholfen und es gab immer Gerüchte das UEE würde das System stürmen. Warum sollten sie es jetzt tun, nachdem sie uns so lange in Ruhe gelassen haben.”

“Ich kann dir sagen warum: Wegen dem erfolgreichen Terraforming von Nyx I”.

Ich hatte die Augen immer noch geschlossen, die Tasse fest im Griff, als eine besonders laute Stimme neben meinem Ohr dröhnte.

“Ist dir kalt Zero?”

Erschrocken öffnete ich die Augen. Rebekka stand neben mir und grinste mich an.

“Restkälte. Die Lebenserhaltung meiner Ironclad funktioniert nicht richtig. In den letzten Tagen war es saukalt an Bord.”

Rebekka nickte verständnisvoll.

“Du hast einiges verpasst, Zero.“

Ich legte die Stirn in Falten und schaute Rebekka fragend an.

“Meinst du die unterschiedlichen Haltungen der Gemeinschaft zum UEE? Hab gerade einem Gespräch gelauscht. Wird nicht besser. Oder gibt es noch mehr?”

“Die Station, die du gefunden hattest”, antwortete Rebekka. “Es war eine Einrichtung der Shattered Blades, extrem stark verteidigt mit Vanduul-Technologie. Der Agent, den wir geschickt hatten, wurde als Geisel gehalten. Wir mussten ihn mit einer taktischen Kampfgruppe befreien.”

“Wusste gar nicht, dass die People’s Alliance solche militärischen Fähigkeiten hat”, sagte ich erstaunt und war froh, nicht dabei gewesen zu sein.

“Hat sie auch nicht. Wir haben InterSec engagiert. Und selbst die mussten Unterstützung von externen Söldnern in Anspruch nehmen. Hat nicht jedem in der Allianz gefallen.”

Der Barkeeper stellte eine Flasche Schmolz auf den Tresen. Rebekka trank einen kräftigen Schluck, dann fuhr sie fort.

“Zu allem Übel tauchten während der Befreiungsaktion auch noch die Vanduul auf – mit einem Mauler Großkampfschiff.”

Ich stellte meine Tasse auf den Tresen und pfiff durch die Zähne. Rebekka zuckte mit den Schultern.

“Die wollten Rache – an den Shattered Blades. Wir waren zur falschen Zeit dort. Immerhin konnten wir unseren Mann befreien.”

“Stimmt”, sagte ich nachdenklich. “Die Hockrow Agency hatte gesagt, dass die Shattered Blades mit Vanduul-Technologie handeln. Wenn sie dafür die Vanduul überfallen, ist es nicht verwunderlich, dass die Echsen auf Rache aus sind. Erklärt die vermehrten Vanduul Angriffe in Nyx – aber nicht die zunehmenden Angriffe durch Piraten.”

“Da haben wir eine Spur”, sagte Rebekka triumphierend. “Weil es vor allem die Leute von Recco betrifft, hat sie die Koordination übernommen. Geh mal zu ihr runter, sie hat was für dich.”

Es war ein langer Weg durch weitreichende Stollen mit Lüftungsrohren, Kabeln und Kisten. Ein Kraftfeld sicherte den Zugang zu Recco Battaglia. Dann stand ich in ihrem Reich: das Employment Center. Schaltzentrale für Transport- und Bergbau-Operationen. Recco arbeitete hinter einem Tresen an einem Terminal. Sie blickte auf.

“Zero. Tritt näher.”

Ich trat an den Tresen. Recco stellte sich zu mir und kam sofort zur Sache.

“Die Navigationsdaten der Cutlass, die du uns geschickt hast, führen zu einer verlassenen, nicht mehr verzeichneten Service Station. Ein Aufklärer war in der Gegend. Schiffe ohne Kennung gehen ein und aus. Scheint eine Zentrale zu sein, vermutlich mit Servern.”

Eine Befürchtung fuhr mir wie ein heißer Stich in den Rücken. Mit versteinerter Miene starrte ich Recco an. Unbeeindruckt fuhr sie fort.

“Wir brauchen jemanden, der dort reingeht und uns Daten bringt.”

“Warum ich?”, fragte ich entrüstet. “Frag doch InterSec, die haben auch geholfen, den Agenten zu befreien.”

Recco schüttelte energisch den Kopf. Ihre Locken tanzten wie Blätter im Sturm.

“Es muss jemand sein, der zur People’s Alliance gehört. Können nicht nochmal InterSec anheuern. Noch so eine Aktion reißt die Gräben in der Gemeinschaft  tiefer.”

Verwirrt breitete ich die Arme aus.

“Und wieso dann ich?”

Recco griff unter den Tresen, nahm etwas, holte aus und warf. Ein Stoffbündel klatschte mir ins Gesicht. Brummend griff ich danach und hielt es vor mich: ein Overall mit dem Logo der People’s Alliance. Fragend schaute ich Recco an.

“Damit du weißt, wo du hingehörst”, sagte sie grimmig.

*

Typisch für die QV Service Stationen war auch diese in einem Asteroiden inmitten des Keeger Belts gebaut. Kleinere Asteroiden umgaben sie wie ein Mückenschwarm. Sorgenvoll schaute ich aus dem Fenster der Brücke. Auf dem einzigen Landepad standen eine Corsair und eine Aurora – wir waren nicht allein. Ich war froh, Unterstützung von TYR zu haben. Raff steuerte die Perseus längsseits an das Landepad.

Vor dem Ausstieg wies uns Kjeld ein.

“Raff und ich gehen vor. Delta und Zero halten sich hinten, Nachrücken auf Anweisung.”

Verwirrt schaute ich auf die Munitionsanzeige meiner Waffe: 3. Ich griff an meinen Gürtel: nichts.

“Äh Leute, ich hab nur drei Schuss.”

“Umso wichtiger, dass du hinten bleibst. Dein Job ist es, Informationen zu beschaffen”, betonte Kjeld.

Mit gezogenen Waffen betraten wir die Station. Eine gespenstige Stille lag in der Luft. Der Aufbau war wie bei jeder anderen Service Station. Eingangsbereich mit ASOP Terminals, dann Sicherheitskontrolle, dahinter das Panoramadeck. Graue Metallwände, Böden und Decken. Überall an den Wänden waren Kritzeleien. Bei der Sicherheitskontrolle prangte ein großer stilisierter, länglicher roter Totenkopf an der Wand. Auf einer Stahlplatte fiel mir ein Schriftzug auf: “Moraine”. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper.

“Kjeld, schau mal”, flüsterte ich. “Du wolltest doch Informationen über die Moraines, die ich nicht besorgen konnte. Ich glaube wir haben sie gefunden.”

“Kontakt voraus”, raunte Raff.

Delta und ich stoppten. Kjeld und Raff rückten vor. Schüsse fielen.

“Langsam nachrücken”, befahl Kjeld.

Wir schlossen auf bis zum Durchgang zum Panoramadeck. Ich duckte mich hinter einer Kiste. Es war wirklich der gleiche Aufbau. Rechts das Panoramafenster, links die Treppe hoch, voraus die Treppe runter.

“Nehmt den linken Weg”, empfahl ich. “Dann habt ihr den High Ground.”

Raff und Kjeld bewegten sich taktisch die Treppe hoch. Delta und ich warteten. Weitere Schüsse fielen.

“Delta”, stöhnte Raff. “Ich brauch ein blutstillendes MIttel.”

Delta und ich rückten nach. Im Treppenhaus fielen mir wieder Kritzeleien auf. “Moraine” in roter Schrift und ein großes weißes M.

“Hier geht es zum Serverraum”, sagte Raff.

“Raff, Zero. Zum Serverraum”, befahl Kjeld. “Delta mit mir die Treppe runter ins Lager.”

Raff ging vor, erledigte weitere Piraten. Ich nahm mir Waffe und Munition des Gefallenen. 

“Der hat genau die gleiche Rüstung an, wie die Angreifer auf der Caterpillar, die ich erledigt hatte”, stellte ich fest.

Dann standen wir vor einem Fenster, dahinter ein Raum mit Serverracks und ein Typ in schwerer Rüstung.

“Da ist eine Wache drin”, raunte ich zu Raff.

“Zu zweit schaffen wir das”, antwortete er.

Wir positionierten uns links und rechtes an der Tür. Mein Herz raste. Die Tür ging auf. Ein Kugelhagel fegte durch den Raum. Der Pirat knallte krachend auf den Boden. Ich stand auf, ging einen Schritt hinein und blieb verwundert stehen.

“Hier ist ja alles voll mit Servern.”

Raff lachte. Meine Anspannung fiel, jetzt war ich in meinem Element. Eilig untersuchte ich alles, hackte mich ins System und lud so viele Daten wie ich konnte auf einen Datenträger.

“Erledigt”, sagte ich erleichtert.

Plötzlich die Stimme von Kjeld im Funk.

“Kommt ins Lager.”

Raff und ich schauten uns an und liefen los.

Kisten standen überall auf der Station, aber im Lager waren die Perlen. Regale voller Kisten mit wertvollen Erzen und Mineralien. Garantiert die Beute aus den Überfällen. Es war offensichtlich.

“Keinen Zweifel”, schlussfolgerte ich. “Die Cutlass beim Überfall auf die Caterpillar, die gleichen Rüstung und die Kritzeleien an den Wänden – das hier sind die Moraines. Sie stecken hinter den Piratenangriffen im Nyx-System.”

“Oder die Kritzeleien stammen von früher”, entgegnete Kjeld.

“Das bezweifle ich”, hielt ich dagegen. “Die Daten aus den Servern werden Aufschluss geben. Wir müssen sie nach Levski bringen.”

Kjeld nickte.

“OK. Kannst du noch eine Überwachung einrichten? Und wir nehmen Kisten mit, jeder eine.”

Ich schnappte mir eine Kiste. Mein Blick fiel auf eine Kritzelei an der Wand: “Fuck the Rich!”

Warum überfielen sie die armen Leute in Nyx? Sollten sie doch nach Stanton gehen.

*

Zwei Tage später hatte Recco die Daten ausgewertet. Es waren die Moraines, sie überfielen systematisch Transporte im Nyx-System. Und sie hatten weitere versteckte Stationen, ein weit verzweigtes Netzwerk im Keeger Belt. Genau wie die Shattered Blades. Denen hatten wir die vermehrten Angriffe durch die Vanduul zu verdanken.

Wir hatten die Beweise – aber würden sie die Gräben in der Allianz schließen? Alle wieder auf ein Ziel einschwören: “Stronger Together”?

Nyx – Grenze zwischen den verfeindeten Großmächten Vanduul und UEE. Die Piratengangs Shattered Blades, Claw Salamanders und Moraines machten das Leben nicht einfacher. Und ein weiterer Konflikt schwelte: der Kampf um Nyx I. Ich fürchtete, Nyx würde so schnell nicht zur Ruhe kommen.