Log #300 – Verblasste Spuren

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Ich folgte Spuren in Kylos Vergangenheit. War das zielführend?


Es war verhext. Ich kam nach Orison für ein heißes Bad und um Käufer für meine geborgenen Komponenten zu finden. Der Pool im Spa war leer, Cousin’s Crows wollte meine Ware nicht haben, und jetzt saß ich in der Voyager Bar und starrte in ein Feuer, das weder knisterte noch Wärme ausstrahlte. Nur eine künstliche Gasflamme auf Steinen.

Im Fall Kylo war ich ebenfalls nicht weiter. Die Gespräche mit Recco und Wallace führten zu nichts.

Recco wollte nur die Familie der People’s Alliance schützen. Wallace hatte Levski verlassen, weil er Angst vor Cabassa hatte.

Cabassa als Mörder? Nein. Das passte nicht. Er war Sicherheitschef auf Levski gewesen. Wenn er Zwiebus’ Ermittlungen ausgebremst hatte, dann vermutlich, weil Zwiebus nicht zur Sicherheit gehörte. Blieb die Frage, wer versucht hatte, Informationen aus der Ermittlungsakte zu löschen.

Meine ursprüngliche Theorie gefiel mir besser. Ein Konkurrent. Kylo hatte seine Schmuggelware aus dem Drogenlabor Jumptown auf dem Mond Yela.  Doch das war zerstört, aber auf Daymar gab es inzwischen ein neues. 

Dann war da noch die Corsair, die mir aufgelauert hatte.

War es die Corsair, an der wir auf der Moraine Basis einen Tracker angebracht hatten? Kjelds Tracker hatte gezeigt, dass sie nach Monox geflogen war. Dort verlor sich ihre Spur. Ausgerechnet Monox. Dort hatte ich auf meinem Weg nach Stanton ebenfalls Halt gemacht. Zufall? Vermutlich. Die Moraines hatten keine Informationen über mich. Oder doch? Isaac war übergelaufen und hatte die Moraines mit Informationen versorgt. Aber er war tot, behauptete Recco. Verflucht – wieder landeten meine Gedanken bei Recco.

Nein. Lieber verblassten Spuren folgen, als etwas Böses in der People’s Alliance vermuten.

„Zero … Zero!“

Ich schreckte hoch. Pike stand vor mir. 

“Oh Pike. Hab dich nicht bemerkt, war in Gedanken. Wie siehst du denn aus?”

“Hab mich angepasst. Lokale Klamotten. Nicht auffallen.”

Zwiebus kam ums Eck und schimpfte.

“Warum treffen wir uns an diesem versnobten Ort?”

Ich brachte die beiden auf den aktuellen Stand und berichtete von meinen Gesprächen mit Recco und Wallace. Zwiebus versuchte, den Fokus auf Cabassa zu lenken, doch das blockte ich ab.

“Also willst du die Spurensuche in Jumptown aufnehmen”, schlussfolgerte Pike.

“Genau. Allerdings ist ein Drogenlabor kein Ort der friedlichen Zusammenkunft. Zwiebus, können wir mit deiner Asgard fliegen. Je mehr Feuerkraft desto besser.”

Zwiebus druckste etwas herum.

“Ja also, ich muss euch da etwas sagen. Am besten in meinem Hangar.”

Als wir den Hangar betraten, stand eine nagelneue RSI Constellation Mk V Centaurus vor uns. Zwiebus hatte seine Asgard verkauft und mit dem Erlös die Conni kaufen können.

“Ich weiss noch nicht, wie ich sie nennen soll”, erklärte Zwiebus. “Möchte aber wieder etwas mit historischer Bedeutung. So wie meine Asgard ‘Anthony Tanaka’. Wenn ihr Ideen habt, her damit.”

Spontan fiel mir etwas ein.

“Wie hieß der Typ, der bei Vega II gegen die Vanduul gekämpft hatte? Ernst Bishop?”

Zwiebus war entrüstet.

“Ich nenne mein Schiff nicht nach einem UEE Admiral. Auf keinen Fall!”

Wir gingen an Bord. Neugierig lief ich durch das Schiff. Geräumiger Innenraum und tolle Aussicht von der Brücke. Beeindruckend. Mit einem kräftigen Dröhnen hob die Centaurus ab und erhob sich in die Wolken des Gasriesen Crusader.

Nachdem wir auf Yela einen Ursa Medivac eingeladen hatten, machten wir uns auf den Weg zum Drogenlabor auf dem Mond Daymar.

Unter uns zogen Dünen vorbei. Schwarze Schatten im schwachen Licht der Sterne. Für einen Moment ließ mich die Aussicht alles vergessen. Kylo. Recco. Die Corsair. Dann dachte ich wieder an Jumptown. Die großen Schlachten dort waren vorbei. Das bedeutete nicht, dass niemand mehr schoss.

Pike stand auf und ging zur Tür.

“Ich flieg mit der Ratte voraus und check die Lage.”

“Welche Ratte?”

“Na das Ding, das hinten dran hängt.”

Ah die Skylark, den kleinen Snub-Fighter, den die Conni mitführte. Pike kam auf Ideen. Eine Minute später hallte ein Klonk durch das Schiff. Die Andockklammern hatten sich gelöst. Die Skylark rauschte unter der Cockpitscheibe hindurch und verschwand vor uns in der Dunkelheit.

“Alles ruhig am Labor”, meldete Pike über Funk. “Einige Schiffstrümmer liegen herum. Das Labor liegt in einem Tal, direkt daneben ist eines, in dem ihr landen könnt. Am Ende des Berges gibt es eine Verbindung, durch die ihr mit dem Rover fahren könnt.”

Kurz darauf landete Zwiebus die Conni im Tal. Sand wirbelte auf, die Nase nickte leicht beim Aufsetzen. Dann verstummten die Triebwerke. Wir fuhren den Frachtbereich nach unten und machten uns mit dem Rover auf den Weg.

Ein breiter Lichtkegel verwandelte den Sand vor uns in ein glitzerndes Schauspiel. Ich lenkte den Rover das Tal entlang und bog am Ende links ab. Die Skylark donnerte über uns hinweg und steuerte auf schwache Lichter in der Ferne zu – das Drogenlabor Jumptown. Anspannung lag wie ein elektrisches Knistern in der Luft.

Zwiebus saß auf dem Beifahrersitz und schaute durch die Kamera des Bordgeschützes. 

“Ich sehe auf dem Dach Maschinengewehre, aber keine Bewegung. Park den Rover in der Nähe des Eingangs, aber außerhalb des Schußfeldes der Maschinengewehrnester.”

Ich stoppte den Rover hinter einigen Containern. Die Tür des Rovers ging auf, Sandkörner wehten herein. Ich verließ den Schutz des Fahrzeuges. Knirschen unter meinen Stiefeln. Mein Magen verkrampfte.

Wohin? Mein Blick ging nach oben. High Ground sichern. Schwerfällig kletterte ich auf die Container und sprang auf das Dach des Labors. Zwiebus folgte mir. Vor mir ein Labyrinth. Überall Paletten mit Drogenpaketen und Kisten. Mit der Waffe im Anschlag arbeiteten wir uns zwischen Containern, Metallplatten und Planen hindurch. Nichts. Kein Laut. Kein Schatten. Das machte die Sache nicht beruhigender.

Zwiebus fand eine Zeichnung an einem Geländer.

“Was ist das? Eine Karte?”

“Ich hab keine Ahnung. Hab ich noch nie gesehen. Los wir gehen rein.”

Pike landete. Nervös folgte ich den beiden. Vorbei an Stacheldraht, die Treppe hoch und in die Luftschleuse. Es zischte, die innere Tür glitt auf und offenbarte ein schwach beleuchtetes Chaos. Müll auf dem Boden, Schmierereien an Wänden und Schränken, umgestürzte Regale und Kisten.

Zwiebus rümpfte die Nase.

“Was für eine Sauerei. Was suchen wir?” 

Ich ließ den Blick durch das Chaos schweifen.

„Wenn ich das wüsste, wären wir nicht hier.“

„Also die berühmte Stecknadel im Heuhaufen?“

„Eher die Kakerlake im Dreck“, meinte Pike.

Ohne Plan stöberten wir durch den Unrat.

Ich kletterte über eine Absperrung in einen Nebenraum. Ein Stockbett mit verdreckten Matratzen und Schlafsäcken. Eine Küchenzeile mit Essensresten in alten Big Benny’s Kartons. Kakerlaken flüchteten aus meinem Lichtkegel.

“Ich hab die Kakerlaken gefunden … und noch etwas. Eine Liste.”

S2b: Nuen Waste Management
S2b: Whistler’s Crypt
S4: The Necropolis
P3: Prospect Depot

Zwiebus trat neben mich.

“Was ist das?”

“Lass uns das an Bord untersuchen. Ich will hier nicht zu lange bleiben”, empfahl Pike.

Zwiebus nickte.

“Nichts wie weg hier. In dem Müll finden wir eh nichts.”

Zwiebus hatte recht. Was taten wir eigentlich hier? Eine zerknitterte Liste aus einem vermüllten Drogenlabor war alles, was wir hatten. Nicht viel. Aber mehr als der Verdacht gegen die falschen Leute.

Es war hell, als wir das Labor verließen. Wenig später befanden wir uns in der Luft. Pike dockte mit der Skylark an und wir entfernten uns vom Labor.

Auf der Brücke schauten wir uns die Liste an. Mit den meisten Namen konnte ich etwas anfangen.

“Nuen Waste Management ist ein Drogenlager hier auf Daymar. Kenne ich noch von früher. Da können wir direkt hin. Whistler’s Crypt ist ein Schrottplatz, The Necropolis ein Drogenlager auf Microtech. Prospect Depot kenne ich nicht….”

Plötzlich ein lauter Schlag. Die Nase der Conni senkte sich. Das Wüstenmeer erfüllte die komplette Frontscheibe. Dann drehte sie sich. Ich klammerte mich an die Rückenlehne fest. Zwiebus sprang in den Pilotensitz und stabilisierte das Schiff. 

“Was war das?”

Pike stand am Ingenieurs-Terminal.

“Alle Systeme in Ordnung. Nur am Heck ist ein kleiner Schaden. Ich geh nach hinten und schaue nach.”

Pike verließ die Brücke. Ich schaute Zwiebus fragend an. Dann Pikes Stimme im Intercom.

“Die Ratte ist weg. Die Andockklammern sind beschädigt. Scheint eine Fehlfunktion zu sein. Keine Anzeichen für äußeren Einfluss.”

“Hast auch ein Vorserienmodell? So wie meine Ironclad”, lachte ich.

Zwiebus schaute grimmig.

“Sehr witzig. Los, ab nach Nuen Waste Management.”

Wenige Minuten später landete die Conni im Sand neben dem kleinen Außenposten. Es war ruhig. Kein Wind, keine Menschen, keine Raumschiffe.

Im Gebäude standen verschweißte Pakete mit Drogen. Auf einem Tisch lag eine Liste.

P3: The Golden Riviera
P3: Prospect Depot
P5a: Ashland
P1: Rustville

Grübelnd schaute ich auf die Einträge.

“The Golden Riviera ist eine Siedlung der Headhunter in Pyro.”

“Was bedeuten die Buchstaben und Zahlen? Routen?”, fragte Zwiebus.

“Mmh. The Golden Riviera ist auf dem Planeten Bloom in Pyro. Nuen Waste Management auf dem Mond Daymar in Stanton.”

“Ha”, platzte es aus Pike heraus. “P steht für Pyro, S für Stanton.”

Er hatte recht. Dann mussten die Zahlen für die Planeten stehen.

“Bloom ist der dritte Planet von Pyro. P3. Das passt. Daymar der zweite Mond von Crusader und Crusader der zweite Planet von Stanton. S2b. Passt auch.”

Zwiebus stemmte die Hände in die Hüfte.

“Und wie bringt uns das weiter?”

Pike zuckte mit den Schultern.

“Keine Ahnung. Aber Prospect Depot ist der einzige Ort, der auf beiden Listen steht. Das muss eine Bedeutung haben. Wir sollten dort weitersuchen.”

Ich streckte den Daumen nach oben.

“Prospect Depot liegt auch auf Bloom. Es ist zwar eine blasse Spur, aber besser als keine. Dann auf nach Pyro.”

“Ich will vorher nach Levski und schauen, ob ich was wegen Cabassa herausfinde”, sagte Zwiebus nachdenklich.

Nachdem wir in Orison gelandet waren, trennten wir uns. Ich blieb mit einer weiteren schwachen Spur zurück. Prospect Depot. Folgte ich den richtigen Hinweisen? Vielleicht.