Log #287 – Kjelds Ankunft

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Ein Treffen mit einem alten Freund und speziellen Persönlichkeiten ließ mich sprachlos zurück.


Langsam stieg ich die Treppen zum Café Musain hinab. Wummernde Beats schlugen mir entgegen. Die Bar und die Tische waren voller Gäste. Hier sollte ich meinen Kontakt treffen. Ich wusste nicht, wer es war. Alles, was ich hatte, war ein Name – Rimana – und dass sie an der Bar auf mich warten würde.

Am hintersten Ende des Tresens stand eine einsame Frau. Schirmmütze, Brille, langer Mantel, Tattoo am Hals. Ich stellte mich neben sie, lehnte mich an den Tresen und sagte, ohne sie anzusehen:

“Hatten Sie schon einmal das Gefühl, nicht sicher zu sein, ob Sie wach sind oder träumen?“

Sie erwiderte:

„Der Körper kann ohne den Geist nicht leben.“

Das Erkennungszeichen. Ich drehte mich zu ihr.

„Du bist die Speerwölfin von TYR?“

“Hai.” Ihre Antwort war leise. Verstohlen schaute sie sich um. “Müssen sein vorsichtig was sagen wir. Olaf Wokan kommt bald an.”

Verwirrt schaute ich sie an. Stimmengewirr und Musik prasselten auf mich ein. Ach ja, Kjeld hatte erwähnt, dass die Ankunft von TYR in Levski unbemerkt bleiben sollte, vorerst. Olaf Wokan war ein Deckname. Kjeld hatte mich gebeten, Rimana zu treffen. Sie würde seine Ankunft vorbereiten. Und ich sollte einen Treffpunkt finden, an dem niemand nachvollziehen konnte, dass TYR dort präsent war.

Ich zog mich mit Rimana an einen ruhigeren Ort zurück.

„Du lebst also auf Levski. Wie lange schon?“, begann ich.

Ihre Antwort gab Rätsel auf. Ich mochte Rätsel und bohrte nach. Stück für Stück entlockte ich ihr ein Puzzleteil nach dem anderen. Das Bild, das sich ergab, war verwirrend – konnte das wirklich sein?

Rimana war ein Klon aus der Messer Era. Als Sklavin hatte sie in den Minen im Nyx-System gearbeitet. Verflucht, dann war sie wirklich alt. Ein Klon? Ich war geschockt. Gab es so etwas? Andererseits – sind nicht alle, die regeneriert werden, Klone? Mein Kopf wurde zu Brei. Alaska hätte jetzt eine wissenschaftliche Erklärung.

Rimanas weitere Ausführungen nahm ich nur schemenhaft wahr. Sie war auf einer Ironclad aufgewacht – einem Prototypen. In Pyro, auf Monox. Oder war es ein anderer Ort? Sie suchte die Ironclad. Es gab eine Verbindung zum Bluttempel. Oder war die Ironclad selbst der Bluttempel? Kjeld hatte mal davon erzählt. Hatte der nicht etwas mit den Versipellis Sica zu tun? Diesen radikalen Nine Tails, die mit ENOS zusammenhingen?

Der Brei in meinem Kopf wurde zu einem Vakuum.

„Sie sind da“, stellte Rimana fest.

„Was?“

„Olaf ist da.“

Ach so, Kjeld. Ich war vollkommen verwirrt.

Wir trafen Kjeld bei den Terminals. Er hatte mehrere seiner Leute im Schlepptau. Und dann tauchte noch jemand auf, ein Typ namens Beryl. Er war eine Kontaktperson von Kjeld und beschaffte modifizierte Waffen.

„Ich hab einen geeigneten Treffpunkt gefunden. Unauffällig, abgeschieden, direkter Zugang zum Hangar“, sagte ich zu Kjeld.

Mit dem Fahrstuhl fuhren wir zu Teach’s Ship Shop, einem alten Hangar, in dem mehrere Raumschiffe zum Verkauf standen. In der hinteren rechten Ecke stand eine Argo Mole, ein Bergbauschiff. Kjeld, Rimana, Beryl und ich gingen an Bord. Der Rest hielt draußen Wache.

Wir setzten uns an den Tisch im Aufenthaltsraum der Mole. Es war dunkel; die Schiffssysteme liefen auf ein Minimum. Wir waren ungestört, nur ein paar potentielle Käufer, die sich das Innenleben der Mole anschauten. 

Kjeld erläuterte seine Absichten. Er suchte Möglichkeiten, die Pipeline zwischen Nyx und dem Deadlight, dem Nachtclub seines Cousins Skallagrim in Area18, zu etablieren. Skallagrim hatte mir angeboten, den Schmuggel von Nyx ins Deadlight zu übernehmen, für gute Bezahlung.

Und Kjeld suchte einen Typen namens Raimund Everres. Er soll Verbindung zu den Versipellis Sica haben und sich im Glaciem Ring verstecken. Da war es wieder, das Projekt ENOS. Und ich dachte, es wäre vorbei. Wir hatten die Drahtzieher in Stanton ausgeschaltet, doch das Projekt lebte weiter, in Pyro. Und jetzt reichten seine Arme bis ins Nyx-System. Hörte das nie auf? Zum Glück war Brubacker nicht hier, er wäre ausgerastet.

Nachdem wir alle Informationen ausgetauscht hatten, führten wir Kjeld und seine Leute durch Levski. Kjeld war zum ersten Mal im Zentrum der People’s Alliance. Die letzte Station war das Café Musain.

Wir standen an der Bar und unterhielten uns.

„Fällt dir an Beryl etwas auf?“, fragte mich Risa.

„Nein, sieht normal aus. Wieso?“

Beryl hob eine Medgun an seinen Arm. Kein Puls. Ungläubig starrte ich ihn an. Was beim Propheten.

„Beryl ist ein Android“, stellte Risa fest.

„Kann ich dich dann hacken?“, entfuhr es mir.

Beryl riss empört die Augen auf.

„Die Idee ist gar nicht schlecht“, meinte Kjeld. „So finden wir vielleicht heraus, woher Beryl stammt und wer ihn gebaut hat. Über den Konstrukteur erhoffen wir uns Hinweise auf die Versipellis Sica.“

Ungläubig schüttelte ich den Kopf.

„Erst ein uralter Klon, jetzt ein Android. Noch irgendwelche Überraschungen?“

„Jennifer ist noch keine zehn Jahre alt“, lachte Kjeld.

Jennifer? Die Kämpferin, die bei den Onyx-Ermittlungen im Sicherungstrupp war? Ich war mir nicht mehr sicher, ob ich wach war oder träumte.

Nachdem Beryl uns noch eine vom Banu Wikelo modifizierte Stealth Intrepid gezeigt hatte, verabschiedeten wir uns.

In meinem Kopf drehte sich alles. Zu viele Informationen, zu viele Neuigkeiten, die mich verwirrten. Abwesend lief ich zum Grand Barter Bazaar. Erschöpft setzte ich mich an einen Tisch, eine Flasche Schmolz vor mir.

Brubacker – vielleicht 700 Jahre alt, vielleicht ein Zeitreisender. Rimana – ein uralter Klon. Beryl – ein humanoider Roboter unbekannter Herkunft. Jennifer – eine Zehnjährige Erwachsene, die in einem Reagenzglas produziert wurde. Das musste ich erst einmal verarbeiten. Als wenn wir mit den Bio-Bots vom Projekt ENOS und den Vanduul-Mensch-Gen-Experimenten von Dr. Jorrit nicht schon genug Versuche erlebt hätten Menschen zu verändern.

Und Kjeld suchte immer noch die Versipellis Sica. War ENOS zurück? Und er hatte mich gebeten, Informationen über die Moraines, Dead Saints und Claw Salamanders zu sammeln. Es fühlte sich an wie ein aufkommender Sturm.