Log #279 – Menschenschmuggel

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Wir versuchten, Menschen aus Lorville raus zu schmuggeln.


“Jetzt nochmal zum Mitschreiben… was genau machen wir?”, fragte Alaska.

“Wir bringen Menschen, die aus Lorville fliehen wollen, nach Levski”, erklärte Pike ruhig. “Marrick hat alles vorbereitet. Vier Cryopods warten am Raumflughafen.”

“Wir schmuggeln Menschen? Damit sind wir Schleuser!” 

Die Unsicherheit in Alaskas Stimme war unüberhörbar. Ich schaute zu Pike, der rechts neben mir auf dem Co-Pilotensitz der White Rabbit saß. Er zuckte mit den Schultern und antwortete seelenruhig.

“Das sind die Leute von der Fahndungsliste, die wir in der Hurston-Datenbank gefunden haben. Bürger, Zwangsarbeiter. Die wollen weg.”

“Ich habe unserem Flug einen offiziellen Anstrich gegeben”, ergänzte ich. “Die Container im Frachtraum haben gültige Frachtpapiere: frische Lebensmittel von Terra Mills Hydro Farm nach Levski. Und wir machen einen Stopp auf der Orbitalstation Everus Harbor, um Fracht für Lorville aufzunehmen. Ein ganz normaler Transport.”

“Wir helfen also Menschen, die Hurston Dynamics unterdrückt. Gut… gut”, Alaska schwieg für einen Moment, dann resümierte er. “Es ist genau wie vor ein paar hundert Jahren, als die ersten Verfolgten des Messer-Regimes den Machtbereich der UEE Hals über Kopf verlassen mussten und Levski als Zufluchtsort suchten.”

Alaska schien hin und hergerissen zu sein. Die Balance zwischen Menschen helfen und illegalen Handlungen war ein schmaler Grad, ein Weg am Rande der Legalität. 

Doch auch ich war angespannt. Marrick behauptete, der Menschenschmuggel sei getestet worden. Doch konnte man ihm trauen? Ich kannte ihn nicht. Er war ein ehemaliger Kollege von Pike bei Hurston Security und war nach Levski geflohen. Was war er? Abtrünniger oder Spitzel? Pike vertraute ihm – fürs Erste tat ich das auch.

Und dann war da noch die Nachricht, die ich in Pikes Auftrag in Levski verbreitet hatte. Marrick hatte reagiert. Aber war er der Einzige? Was, wenn Hurston Security längst Bescheid wusste und uns nicht in Lorville, sondern später abfing? Auf dem Flug. Oder erst in Levski, um an die Hintermänner zu kommen.

Sie hatten mich schon einmal geschnappt, mich aus Klescher fliehen lassen, nur um mich dann heimlich in der Wüste von Daymar zum Sterben auszusetzen. Offizielle Wege waren nicht ihre Art.

Kurze Zeit später landeten wir im Hangar von Lorville. Als ich den Frachtraum erreichte, hatten Pike und Alaska die Container von Everus Harbor bereits ausgeladen.

“So ist es, wenn man Angestellte hat”, scherzte Pike.

Er gab einen Code ein. Das Tor des Frachtaufzugs öffnete sich mit einem metallischen Dröhnen und gab vier Cryopods frei. Ich trat zögerlich hinein und blieb abrupt stehen. Durch die Sichtfenster der Pods sah man Menschen im Kryoschlaf. Ich hatte das für eine Metapher gehalten. Aber der Plan war genial: Bei einer Kontrolle würden die Bioscanner nur drei Personen an Bord registrieren. Allerdings nutzlos, wenn Hurston Security Bescheid wusste.

Wir luden zwei Pods in den separaten Frachtraum der White Rabbit, die anderen versteckten wir hinter den Lebensmittelcontainern. Dann starteten wir. Lorville schrumpfte hinter uns, verschwand unter den Wolken. Erst als der Quantum-Antrieb Richtung Pyro-Sprungpunkt startete, atmete ich durch.

“Werden wir am Pyro-Gateway tanken?”, fragte Pike.

“Nein. Ich will mit den Gästen an Bord weder in Stanton noch in Pyro an einer Station stoppen. Wir fliegen durch.”

Dann tauchte vor uns der Sprungpunkt in das Pyro-System auf. Die Anomalie waberte in den Gaswolken wie ein lebendiges Energiewesen.

“Hoffentlich geht alles gut”, sagte ich sorgenvoll und legte die Stirn in Falten.

“Schon Probleme gehabt bei deinen Frachtflügen zwischen Nyx, Pyro und Stanton?”, fragte Pike.

“Nein, aber man weiß nie, wer wartet. Piraten… oder Spitzel der Hurston Security.”

“Äh ja ok”, sagte Pike zögerlich. “Ich besetze besser einen der Geschütztürme.”

Pike stand auf und ging nach hinten. 

“Alaska, in welchem Turm bist du?”

“Oberer.”

“OK, dann geh ich in den unteren.”

Die Tür zum Cockpit schloss sich und ich war alleine. Alleine mit meinen Gedanken und Sorgen. 

Der Sprung nach Pyro und der Quantum-Flug durch das gesetzlose System begann. Die Anspannung an Bord war greifbar. Niemand verließ seinen Posten. Alle warteten auf das, was kommen würde.

Nach einem langen Flug erreichten wir den Nyx-Sprungpunkt. Dunkle Gaswolken, Fetzen von Asteroiden und zerstörten Raumstationen umgaben uns. In der Ferne glühte rötlich das Wurmloch. Alaska brach als erster das Schweigen.

“Egal wo du bist in diesem System, es sieht kaputt aus.”

Das Wurmloch spuckte uns in die türkisfarbenen Gaswolken von Nyx. An der Gateway-Station tankten wir. Plötzlich empfing ich ein seltsames Signal – schwach, kaum wahrnehmbar. Ich kalibrierte die Systeme. 

“Ich empfange einen Notruf”, rief ich.

“Irgendwelche zusätzlichen Informationen?”, fragte Alaska.

“Nein, nur dass es ein Notruf von jemandem der People’s Alliance ist.” 

“Dann los, lass uns helfen. Hinterlässt einen guten Eindruck”, empfahl Pike.

Nach einem kurzen Quantum-Flug erreichten wir eine in mehrere Stücke zerbrochene Caterpillar. Kein Lebenszeichen, keine Energie. Pike und ich gingen von Bord, um das Wrack aus der Nähe zu untersuchen. Alaska blieb zur Absicherung im Geschützturm.

Ich schwebte durch dunkle, tote Gänge – still, leer, unheimlich. Wo war die Crew? Wer hatte den Notruf abgesetzt? Schließlich erreichte ich den Serverraum.

“Das Schiff ist kalt, ohne Energie”, flüsterte ich vorsichtig. “Auch die Computer sind tot. Kann keine Daten abrufen.”

Plötzlich ertönte Pike. “Ich hab eine Leiche gefunden.”

“Das ist seltsam”, stellte Alaska besorgt fest. “Wenn der Überfall eben erst war, müsste noch ein Glühen oder irgendwelche Energiewerte an dem Schiff sein. Das treibt hier schon lange zerstört im All. Das könnte eine Falle sein, kommt schnell zurück an Bord.”

Ein Hinterhalt von Hurston? Ich behielt den Gedanken für mich und kehrte mit Pike schnell zurück.

Die Unruhe aus dem Wrack hing mir noch in den Knochen, als wir Levski erreichten. Alaska war nach langer Zeit wieder hier – und entsetzt über die Veränderungen: das durchgehende Bohrloch, die neuen Frachtaufzüge, das hohe Verkehrsaufkommen.

“Zero, du kennst Levski von früher. Findest du das gut?”

“Ich bin mir unsicher”, antwortet ich nachdenklich. “Das kann ein guter, aber auch ein schlechter Weg sein.”

Ich erzählte von der Zerrissenheit der Bewohner, den unterschiedlichen Haltungen zur UEE und der Angst vor einer Übernahme.

Nachdem wir die Cryopods abgegeben hatten, streiften wir durch die alte Bergbaustation. Pike war begeistert. Levski war die Erfüllung seiner Träume. Er beschloss, sich hier niederzulassen.

Auf dem Grand Barter Markt schlenderten wir von Stand zu Stand. Die lebhafte Geräuschkulisse, die provisorischen Angebote, das bunte Treiben, es fühlte sich nach Freiheit an. Wir waren guter Dinge und erfreuten uns an Kleinigkeiten. Doch plötzlich veränderte Pike seine Stimme. Leise flüsterte er uns zu.

“Nicht umdrehen. Der Typ da hinten. Weiße Haare, weißer Bart. Der folgt uns schon eine ganze Weile. Geht weiter und schaut unauffällig.”

An einem Stand mit frischen Früchten nahm ich einen Apfel, drehte mich langsam. Ein älterer Mann. Kein typischer Kopfgeldjäger. Kein offensichtlicher Spitzel. Oder doch?

Solange wir uns in der Öffentlichkeit aufhielten, konnte er uns nichts antun. Ich schlug vor, ins Café Musain zu gehen. Das Stimmengewirr des Marktes wich dem dumpfen Wummern der Musik. Wir setzten uns in eine abgeschirmte Ecke, unterhielten uns über Levski, Brubacker und unsere Pläne. Dann bemerkte Pike, dass der Mann uns gefolgt war und nun nur wenige Meter entfernt saß.

Ich tat so, als wäre alles normal. Dann stand er plötzlich an unserem Tisch.

“Ich habe gehört, wie du ihn Alaska genannt hast.”

“Und wenn. Wer bist Du? Was willst Du von uns?”, antwortete ich unfreundlich.

“Ich bins, Zwiebus. Alaska… alter Schmetterlingsfänger, erkennst du mich nicht?”

Alaska starrte ihn an, als hätte ihm jemand den Boden weggezogen. Für einen Moment stand alles still.

„Bist du es wirklich?“, stammelte Alaska schließlich. „Du hast dich gewaltig verändert… die Haare, der Bart… Wenn du wirklich Zwiebus bist, sag mir: Wo haben wir uns das letzte Mal gesehen?“

„Auf GrimHex“, antwortete der Mann ohne Zögern. „Auf der Treppe im verfallenen Trakt. Du brauchtest deine Jules Verne von ArcCorp, weil du inkognito bleiben wolltest. Hast du es jetzt geschnallt? Ich kenne sogar deine Kumpanen: Das hier ist Zero und der da hinten muss Pike sein.“

Dann brachen plötzlich alle Dämme. Eine Welle der Erleichterung ging von Alaska aus. Auch ich entspannte mich und fiel in die Lehne zurück.