Vermehrte Angriffe führten zu einer gefährlichen Lage im Nyx-System.
Der Koloss glitt aus dem Hangar direkt in das Bohrloch, das Delamar durchstach. Im Cockpit blinkte es rot – Alarmzustand. Im Funk knisterte eine besorgte Stimme.
“Zero sei vorsichtig. Die Reparaturen sind nicht fertig. Irgendein versteckter Code im Computer muss der Grund für das seltsame Verhalten deiner Ironclad sein.”
Die Techniker in Levski konnten das Eigenleben der Ironclad bisher nicht beheben. Doch darauf konnte ich keine Rücksicht nehmen, mein Auftrag war zu dringend – es blieb nicht mal Zeit, Zwiebus und Pike um Hilfe zu bitten. Ich saß alleine in meiner ‘Rusty Brick’ und musste mit ihr zurechtkommen.

Ich zog die Nase des Koloss nach oben. Die gegenüberliegenden Hangartore verschwanden aus dem Sichtfeld, ein Meer aus Asteroiden vor dem hellblauen Hintergrund des Glaciem Rings kam in Sicht. Die mächtigen Triebwerke schickten ein Beben durch das Schiff, die Asteroiden glitten am Cockpit vorbei.
“Wie ist die Lage am Zielort?”, fragte ich etwas nervös.
“Wissen wir nicht.”
“Und wer hat den Transport überfallen?”
“Unbekannt. Kurz nach dem EMP tauchte eine InterSec Patrouille auf. Die Crew wurde aufgenommen und nach Levski gebracht. Die Fracht ist noch in den Transportschiffen. Die musst du unbedingt bergen.”
Die Antwort war unbefriedigend. Wer beim Propheten legte einen Transport-Konvoi mit einem EMP lahm und verschwand dann einfach? Würden die Angreifer zurückkommen? Mit einem unguten Gefühl aktivierte ich den Quantum-Antrieb.
Kurz darauf erreichte ich die Zielkoordinaten im Glaciem Ring. Zwischen Asteroiden und Staubbändern schwebten zwei Drake Cutlass Black und eine Crusader A2 Hercules Starlifter. Alle drei hatten Fracht an Bord. Die Sensoren zeigten keine weiteren Kontakte. Warum war InterSec nicht geblieben, um die Bergung abzusichern? Egal – ich musste alleine klarkommen.
Ich ging in Position, um die Fracht über das geöffnete Dach in die ‘Rusty Brick’ umzuschlagen. Im Frachtraum blickte ich nach oben – direkt in das Heck einer Cutlass. Sie hing über mir, ausgerichtet entlang der Staubbänder, die in der Ferne zusammenrückten und in der Unendlichkeit verschmolzen. Ein Blick wie in den Quantum-Tunnel. Der Anblick war verwirrend.

Ich schüttelte mich. Die Position war gut. Eigentlich müsste die Fracht aus der Cutlass einfach in die Ironclad fallen, aber da war was – Schwerelosigkeit. Na ja, würde schon irgendwie klappen. Erstmal in den EVA und zur Cutlass rüber.
Die Schwerelosigkeit war das geringste Problem. An Bord der Cutlass gab es Schwerkraft, aber die Ironclad stand Kopf. Was für ein beschissener Perspektivwechsel. Mir wurde übel. Für einen Moment klammerte ich mich an die Wand.
Konzentrier dich, Zero. Maxlift-Traktorstrahl, Kisten nach unten in die ‘Rusty Brick’ bugsieren. Eine nach der anderen. Oder nach oben?
Fokussiert begann ich mit der Arbeit. So fokussiert, dass ich alles andere vergaß. Kein Gedanke mehr an die Angreifer oder daran, dass sie zurückkommen könnten.

Nachdem alle Container verladen waren, stand ich im leeren Frachtraum der A2. Neben mir die großen Bomben. Ich dachte an die Leute auf der abgelegenen Service Station. Sie waren unzufrieden, weil der Ausschuss zu wenig für die Sicherheit im Nyx-System tat. Seine Empfehlung, angesichts der zunehmenden Angriffe durch Outlaws und Vanduul einfach mit Eskorte zu fliegen, hatte diesem Transport auch nicht geholfen.
Die Bewohner wollten die Verteidigung selbst in die Hand nehmen – dafür brauchten sie Waffen. Und hier waren Waffen, jede Menge. Kurz zögerte ich, dann montierte ich die Bomben und Waffen der drei Schiffe ab und brachte sie in die Ironclad. Danach sah der Frachtraum der ‘Rusty Brick’ aus wie ein Waffenlager mit ein paar Frachtkisten dazwischen. Zufrieden stand ich auf einem Container und ließ den Blick über meine Beute schweifen.

Dann setzte ich Kurs auf die Service-Station und startete den Quantum-Antrieb. Direkt voraus war der rote Nebel, das Virgil-System, Ursprung der Vanduul Angriffe. Mit jeder Minute kam er näher und die Gefahr von Angriffen stieg.
Plötzlich – ein Schlag. Die Ironclad fiel aus dem Quantum-Flug. Wurde ich herausgerissen? Das Radar: frei, keine Kontakte. Jenseits der Cockpitscheibe nichts als Schwärze, der rote Nebel zum Greifen nahe, der Keeger Belt ein dünner Streifen in der Ferne. Die ‘Rusty Brick’ hatte wohl wieder eigene Pläne.
Genervt stand ich auf und ging in den Maschinenraum. Sicherung entfernt, Computer Reset, Sicherung wieder eingesetzt. AEG – Ausschalten, Einschalten, Geht. Half meistens. Schließlich setzte ich den Flug fort und erreichte die Service Station Theta.

Die abgelegenen Service Stationen im Keeger Belt – letzte Leuchtfeuer der Freiheit der People’s Alliance in den Tiefen des Alls. Wie Levski in Asteroiden gehauen, notdürftig am Leben gehalten, aber in einem noch schlechteren Zustand. Lichterketten, Funkenflug, kleine Stände, die halbwegs Nützliches verkauften. Provisorisch, aber irgendwie gemütlich.
Ich passierte den Kontrollpunkt. Rechts ein Panoramafenster mit Blick auf die Asteroiden des finsteren Keeger Belts, links ein paar Stufen und ein Kaffeeautomat. Mit einem Grinsen ließ ich mir einen frisch gebrühten Kaffee raus – so viel besser als der Dosenkaffee an Bord der Ironclad.

Dann traf ich Hektor. Ein kahlrasierter Bär von einem Mann. Wir setzten uns auf eine Bank beim Panoramafenster. Mit einer Stimme wie ein Reibeisen beklagte er die Lage.
“Wir sind hier am nächsten am Virgil-System. Wir müssen aufrüsten, um uns verteidigen zu können. Die im Ausschuss machen nichts.”
Ich legte die Stirn in Falten.
“Ich weiß. Selbst die Vox Populi hat über die Sicherheitsprobleme geschrieben. Komme gerade von einem Konvoi, der überfallen wurde.”
Hektor ließ sich gegen die Rückenlehne fallen, legte den Kopf in den Nacken und schnaubte.
“Hast du eine Idee, wer den Konvoi angegriffen haben könnte?”, fragte ich.
“Die Vanduul, wer sonst?“, antwortete er wie aus der Pistole geschossen.
“Ich hab euch die Schiffswaffen des Konvois mitgebracht.”
Hektor stand auf. Wie ein Berg baute er sich vor mir auf und reichte mir seine große Hand.
“Danke. Ich kümmere mich um die Entladung. Wenn du mehr liefern kannst, wäre das hilfreich.”
Ich schlug ein. Seine Pranken umschlossen meine Hand wie ein Schraubstock.
Einige Stunden später war ich wieder in Levski und übergab die geborgene Fracht. Von meiner Lieferung an die Service Station erzählte ich nichts. Nachdem ich die Ironclad in die Werkstatt gebracht hatte, ging ich in den Grand Barter Bazaar. Wilde Gerüchte machten die Runde. Sie waberten wie Schatten durch die Stollen von Levski. InterSec hätte den Konvoi angegriffen. Das UEE wolle über seinen Proxy das Nyx-System destabilisieren, um es dann zu übernehmen.