Ich brach mit der Ironclad zu einer Mission auf. Dunkelheit erwartete mich.
“Ernsthaft?”
Überrascht stand ich in Teach’s Ship Shop, umgeben von Komponenten, Waffen und flackernden Reklamen. Der stellvertretende Leiter der Werkstatt schaute mich ernst an.
“Es ist tatsächlich ein experimenteller Algorithmus. Dockt das Command-Modul bei bestimmten Situationen ab – Meuterei, Advocacy im Anflug, was auch immer. Deine Ironclad ist ein Vorserienmodell?”
“Äh ja.”
“Da hat Drake wohl was ausprobiert. Wir konnten den Code isolieren. Ich kann aber nicht abschließend sagen, welche Nebenwirkungen das hat. Sei also wachsam. Einen Effekt hatte es: das Schiff kann jetzt in Operations gesteuert werden – auch ohne Command-Modul.”
Ungläubig trat ich einen Schritt zurück.

“Dann hab ich jetzt zwei unabhängige Schiffe?”
“Sogar drei. Rebekka hat angeordnet, dass dir eine Salvation zur Verfügung gestellt wird. Viel Erfolg. Wir können alles brauchen, was du bergen kannst.”
Die ‘Rusty Brick’ galt als repariert – hoffentlich. Und ich war bereit die nächsten Wochen im Weltall zu verbringen, um für die People’s Alliance zu bergen was ich finden konnte. Ein Teil des Plans, um die Gemeinschaft unabhängiger zu machen. Nachdem Verpflegung, ein Ursa Medivac und die Salvation in der Ironclad verstaut waren, brach ich auf. Träge schob sich die ‘Rusty Brick’ aus dem Hangar. Aus dem Command-Modul warf ich einen letzten Blick auf Levski – auf Hangartore, Schornsteine, Rohre und Gebäude, die sich an den Asteroiden Delamar klammerten. Dann startete ich den Quantum-Antrieb und verschwand in den Tiefen des Alls.
Tipps von der Rust Society führten mich in entfernte Regionen des Nyx-Systems. Dunkle, gruselige Orte, voller undurchsichtiger Nebel und Asteroiden. Friedhöfe für Schiffe, die keinen Weg herausfanden. Goldgruben für jeden, der bergen wollte.

Verlassenes Schiff finden, Ladung bergen, Komponenten und Waffen ausbauen, Hülle abtragen und Schiff zerlegen. Die Arbeit wurde zur Routine und trotzdem war das Leben auf der großen Ironclad ungewohnt. Meine Kabine war so groß wie ein Hab in den Landezonen von Stanton – Bett, Couch, Schreibtisch, Bad – alles was man brauchte. Doch viele Bereiche des Schiffs nutze ich nicht. Eine Staubschicht lag dort wie ein stilles Tuch.
Das Beste an Bord waren die Fenster in meiner Kabine. Sie waren mehr als ein Blick nach draußen, sie waren eine kraftspendende Routine. Morgens Kaffee, Sonne im Gesicht – meine Routine.

Eines Tages wurde meine Routine von einem unerwarteten Video-Anruf unterbrochen. Rebekka schaute mit besorgter Miene in die Kamera.
“Die Spekulationen sprießen wie Unkraut. Jeder hat eine Meinung, wer für die vermehrten Angriffe im Nyx-System verantwortlich ist – Outlaws, UEE, Vanduul. Die Gemeinschaft ist so gespalten wie nie. ”
Ich lehnte mich im Schreibtischstuhl zurück.
“Was ist aus ‘Stronger Together’ geworden?”
Rebekka winkte ab.
“Von wegen Together. Die einen wollen das UEE holen, die anderen wollen es bekämpfen, wieder andere rüsten auf. Keine Ahnung, welcher Idiot die abgelegenen Service-Stationen mit Waffen versorgt.”
Mein Hals wurde eng. Der Idiot war ich – und besser, wenn Rebekka das nicht erfuhr.
“Sind alle auf Kampf aus?”, fragte ich vorsichtig.
“Es gibt eine pazifistische Gruppe. Wollten Frieden mit den Claw Salamanders schließen. Ging nicht gut aus.”
“Hab ich in der Vox Populi gelesen. Über die mangelnde Sicherheitslage wurde da auch geschrieben. Kein Wunder rüsten manche auf, wenn der Ausschuss nur gute Ratschläge hat und keine konkrete Hilfe organisiert.”
Rebekkas Augen verengten sich zu Schlitzen.
“Jetzt fang du nicht auch noch an.”
“Und was kann ich tun?”, versuchte ich zu beschwichtigen.
“Ich habe hier jemanden, die eine Bitte an dich hat.”

Eine Frau erschien auf dem Bildschirm, wuscheliger Lockenkopf, über den Ohren kahl rasiert, von schmerzlichen Erfahrungen gezeichnete Gesichtszüge.
“Recco – neue Frisur?“, entfuhr es mir.
“Zero – lange nicht gesehen.”
Betretenes Schweigen. Ich hatte früher für Recco Battaglia gearbeitet. Nicht alle Aufträge liefen erfolgreich. Und nach der Ermordung von Kylo hatte ich den Verdacht, dass sie in Drogengeschäfte in Levski verwickelt war. Sie sprach das Vergangene nicht an und kam direkt zur Sache.
“Eine unserer Crews hat sich nicht gemeldet. Vielleicht haben sie einen Defekt.”
“Oder wurden angegriffen”, raunte ich in den Bildschirm.
“Was auch immer. Du bist nahe an ihrer letzten Position. Bitte schau nach.”
Ich wollte etwas erwidern, doch meine Zuge versagte. Warum immer wieder Himmelfahrtskommandos?
Nach einem kurzen Quantensprung erreichte ich die Zielkoordinaten im Glaciem Ring. Im malerischen Blau der Staubbänder und Asteroiden schwebte eine Drake Caterpillar – zerbrochen in zwei Hälften. Eine Trümmerwolke umgab die Bruchstelle, Frachttore waren aus den Angeln gerissen, Container schauten heraus.

Vorsichtig ging ich mit der ‘Rusty Brick’ längsseits. Langsam driftete ich an das Wrack heran. Plötzlich ein lauter Schlag. Metall auf Metall, Funken tanzten wild an meiner Schiffshülle. Bruchstücke der Caterpillar prallten gegen die Ironclad und wirbelten davon. Das war nah genug.
In der Luftschleuse machte ich mich für den EVA bereit. Kurz schloss ich die Augen, atmete tief ein und aus. Dann drückte ich auf den roten Knopf – das Schott fuhr zur Seite. Ein apokalyptischer Anblick. Die Caterpillar – ein Insekt mit gebrochenem Rückgrat. Metallfetzen quollen wie Eingeweide heraus. Ich stieß mich ab, schwebte zur vorderen Rampe der Caterpillar.
Die Container: aufgebrochen, leer. Hier gab es nichts zu bergen. Ich glitt hindurch und erreichte das Mannschaftsquartier. Dunkelheit. Kälte. Schwarze Bildschirme. Mein Helmscheinwerfer tastete wie ein Finger.

Ich bog um eine Ecke und erstarrte. Im Lichtkegel eine tiefgefrorene Statue, ein Mahnmal der Ereignisse – eines der Besatzungsmitglieder. Er trug einen Raumanzug, aber keinen Helm. Hier war jede Hilfe zu spät. Dann fand ich den Rest der Crew – tot.
Es war eine ganz andere Situation als bei dem Konvoi, der überfallen wurde. Der Konvoi: mit einem EMP lahm gelegt, niemand wurde verletzt. Dieses Schiff: mit roher Gewalt zerstört. Waren es andere Angreifer als beim Konvoi? Gab es Spuren? Beweise würden helfen, die Spekulationen einzudämmen.
Der Serverraum – dort musste ich hin. Ich schwebte weiter durch dunkle Gänge, tastete mich langsam vor. Ich bewegte mich durch das Vakuum und trotzdem spürte ich einen unerträglichen Druck. Schließlich erreichte ich die Tür zum Serverraum – verschlossen, kein Durchkommen. Verflucht!
Wieder alles zurück durch die betrügende Dunkelheit, vorbei an den Toten. Sie starrten mich mit leeren Augen an. Ein Schauer lief über meinen Rücken.
Ein Deck tiefer erreichte ich den Maschinenraum. Durch eine Deckenluke schwebte ich nach oben. Ein weiterer finsterer Raum. Rohre und Isolierungen glitten an mir vorbei, sie konnten die Kälte nicht bezwingen.
Schließlich tauchte die Blackbox im Lichtkegel auf. Ich lud die Daten herunter und kehrte auf die Ironclad zurück.
Stirnrunzelnd saß ich in meiner Kabine am Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm. Die Ironclad war ein Arbeitstier, ausgelegt für den Transport. Sie hatte keine Möglichkeit, Daten zu analysieren. Jetzt fehlte mir die ‘White Rabbit’. Ich musste die Aufzeichnungen der Blackbox nach Levski schicken.

Wenige Stunden später erhielt ich eine Antwort von Rebekka. Die Daten waren korrupt, unmöglich, sie auszuwerten. Manipulation? Oder nur Pech? Wie auch immer, wir tappten weiter im Dunkeln. Die Spekulationen gingen weiter.