Log #296 – Notrufe

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Notrufe wurden Teil meiner Salvaging-Mission.


Asteroiden ragten wie schwarze Zähne aus dem Nebel. Die entfernte Region des Nyx-Systems war gruselig. Ich atmete tief ein, presste die Luft wieder heraus. Das Visier beschlug. Frei schwebend im All fühlte ich mich bei diesem Anblick besonders klein.

Ich löste den Blick und drückte den großen Traktorstrahl in die Halterung des externen Staufachs der Salvation. Die Klappe schloss sich. Ein kurzer Stoß der EVA-Düsen und ich glitt rückwärts zum Einstieg des kleinen Salvaging-Schiffs.

Unter mir klaffte wie ein riesiges Maul das geöffnete Dach der Ironclad. Gerade hatte ich die Stealth-Komponenten aus einer Aegis Sabre ausgebaut und mit dem Traktorstrahl in den Frachtraum der ‘Rusty Brick’ befördert. Später wollte ich sie in den gesicherten Frachtbereich legen – zu den Stealth Komponenten aus der Esperia Prowler, die ich vor einigen Tagen gefunden hatte. Ich hatte nicht vor, die wertvollen Komponenten in Levski abzugeben. Ich wollte sie selbst nutzen. Für die People’s Alliance hatte ich genug anderes Material.

Etwas behäbig schwebte ich auf den Pilotensitz. Er glitt ins Schiff, das Cockpit schloss sich. Monitore fuhren hoch, flackerten kurz. Alles im grünen Bereich. Vor mir die Sabre – still, aufgegeben, bereit für ihre neue Bestimmung. Ein Klick, die Salvage-Laser erwachten. Wie gierige Finger tasteten sie über die Hülle, ließen das Metall orange glühen, schmelzen, verschwinden. Eine ruhige, fast meditative Routine.

Als nur noch ein Gerippe übrig war, legte ich den Schalter um. Blitze zuckten, das Energiefeld baute sich auf und packte die Sabre wie eine Faust. Der Jäger vibrierte, ächzte – und zerbrach. Kleine Schiffe konnte die Salvation zerlegen, größere wie die Prowler nicht. Der Nachteil des winzigen Hüpfers.

Nachdem alle Teile im Bauch der Salvation verschwunden waren, drehte ich das Schiff. Das Asteroidenfeld schob sich vor das Cockpit. In der Ferne schimmerte etwas Gelbes, Unnatürliches. Ein Raumschiff? Das Radar zeigte nichts. Nein – eine Konstruktion am Asteroiden.

Ich landete die Salvation in der Ironclad und flog den Koloss näher an den Asteroiden heran. Eine große gelbgraue Röhre ragte aus dem Gestein. ‘Gate B’ stand darauf. Ein Tunnel, breit genug für einen Jäger. 

Mein Entdeckergeist regte sich – aber gleichzeitig spürte ich dieses leichte Ziehen im Nacken, ein instinktives Warnsignal, das ich nicht einordnen konnte.

Ein Flackern im Augenwinkel ließ mich zusammenzucken. Ich riss den Kopf herum. Auf dem Asteroiden: Rote Positionslichter, eine Flamme, diffuse Beleuchtung. Ich zerrte am Steuerknüppel. Träge änderte die Ironclad den Kurs. Der Tunneleingang glitt rechts vorbei, die Lichter kamen näher. 

Dann sah ich das Gebäude. Ein massiver Komplex, halb im Asteroiden versenkt, mit einer Architektur, die nicht zu Nyx passte. Nebelschwaden waberten an den Wänden. Die Röhre von Gate B führte direkt hinein, zwei weitere Röhren verzweigten zu anderen Seiten des Asteroiden. Die Sensoren registrierten eine hohe Energiesignatur. Was war das für eine Einrichtung? 

Meine Finger krampften sich um den Steuerknüppel. Ich wusste nicht warum – aber da war dieses leise, nagende Gefühl, dass ich nicht hier sein sollte.

Ohne Vorwarnung flammte ein rotes Warnlicht auf. Die Schilde schmolzen wie Eis in der Wüstensonne – 50% und weiter. Wo kam der Beschuss her? Ich knallte den Schubhebel nach vorne, drückte auf den Boost. Die Ironclad bebte, die Triebwerke brüllten.

“Mayday. Mayday. Ich bin unter Beschuss. Meine Position ist…..”

Verflucht, der Funk war blockiert. Niemand hörte mich. 

Die Boost-Anzeige fiel wie ein Stein. Das Brüllen verstummte. Ich hielt die Luft an, starrte auf die Schilde. 10 % … 20 % … 30 %. Geschafft.

Ich startete den Quantum-Antrieb und sprang den erstbesten Punkt an – Hauptsache weg. Mittendrin stoppte ich, irgendwo im Nirgendwo. Was beim Propheten war das? Ich übermittelte die Koordinaten der Anlage nach Levski. Sollten die sich kümmern. Für einen Kampf war ich nicht bereit. Dann legte ich mich ins Bett. Genug Aufregung für heute.

*

Ein penetrantes Piepen riss mich hoch. Ich saß im Bett, schaute verwirrt herum. Auf dem Monitor blinkte eine Anzeige. Schlagartig war ich wach. Ein Notruf – von einer Caterpillar. Angriff, Enterung, Crew im Command Modul verschanzt.

Die Position lag nah — zu nah, um sie zu ignorieren. Aber allein, ohne Besatzung für die Geschütze, konnte ich kaum etwas ausrichten. Eine Sache blieb: aus der Distanz scannen. Vielleicht bekam ich heraus, wer die Angreifer waren. Endlich Beweise, wer für die vermehrten Angriffe im Nyx-System verantwortlich war.

Ich ging ins Cockpit und sprang los. Kurz darauf sah ich die Caterpillar. Eine einzelne Cutlass Black schwebte über ihr. Radar: keine Kontakte im Umkreis von 30 Kilometern. Scanner: keine Lebenszeichen an Bord der Cutlass, keine Kennung.

Ich funkte die Caterpillar an.

“Ich bin wegen eurem Notruf hier. Dockt das Command Modul ab und macht euch aus dem Staub.”

Eine zittrige Stimme antwortete.

“Können wir nicht – zu wenig Energie. Ich hab den Ingenieur geschickt, um das Kraftwerk zu checken. Aber der meldet sich nicht mehr.” 

Er hatte eines seiner Besatzungsmitglieder den Räubern zum Fraß vorgeworfen. Ich hasste diese Art von Situationen. Ich war kein Soldat. Kein Held. Aber verdammt – diese Piraten griffen jeden im Nyx-System an. Ich konnte nicht nur zuschauen. Mit einem lauten Knall schlug ich auf die Instrumententafel. Frustriert stand ich auf, zog die schwere Rüstung an und verließ bewaffnet die Ironclad.

Schwerelos glitt ich zur offenen Frachtrampe der Caterpillar. Am Command Modul vorbei sah ich den Kapitän auf einem Stuhl sitzen, Gesicht in den Händen, Ellbogen auf den Knien – pure Verzweiflung. 

Im Schutz einiger Container schwebte ich in das vordere Frachtmodul. Meine Stiefel berührten den Boden – Gravitation. Gut. Waffe im Anschlag lugte ich um den Container: ein Typ in Kampfmontur. Für einen Moment zögerte ich – ich hasste es, aber es musste sein. Der Strahl meines Ripper SMG traf seinen Helm, das Material schmolz. Er brach zusammen. Ich lauschte – gespenstige Stille. Anscheinend hatte niemand mein Eindringen bemerkt.

Entlang der Wand drückte ich mich ins nächste Modul. Blick nach oben zur Gangway. High Ground sichern. Bei jedem Schritt dröhnten die Metallstufen der Leiter. Oben verharrte ich – Stille. Mein Magen verkrampfte.

Ich wandte mich nach links, das Schott zum nächsten Modul fuhr zur Seite. Der Pirat auf der Gangway starrte mich überrascht an. Der Laserstrahl meiner Waffe ging an seinem Kopf vorbei. Er riss sein Gewehr hoch. Ich korrigierte, traf ihn, folgte seiner Bewegung, bis er lag. Das Adrenalin stieg mir bis in die Haarspitzen.

Ich stieg über den Körper. Metallisches Klacken bei jedem Schritt. Das nächste Schott öffnete sich schabend. Gangway frei. Links unten: Container, ein bewaffneter Typ, vertieft in sein Mobiglas. Das Ripper spuckte seinen feurigen Strahl. Er merkte nicht einmal, dass er getroffen wurde. Diese kleine, aus Altmetall gefertigte Waffe war leise und effektiv. 

Getrieben von Wut und Adrenalin bewegte ich mich wie ein Geist weiter und schaltete unauffällig einen Piraten nach dem anderen aus. 

Schließlich erreichte ich das Kraftwerk. Der Ingenieur lag auf dem Boden – tot. Das Kraftwerk: Inaktiv. Ich suchte nach einem Schalter – nichts. Irgendwie musste ich das Ding in Gang setzen. Ich suchte weiter, neben dem Ingenieur, ein Reparatur-Tool. Ich nahm es und setzte das Kraftwerk wieder in Stand.

Dann funkte ich den Kapitän an.

“Die Piraten sind erledigt und die Energie wiederhergestellt. Du kannst raus kommen.”

“Ich traue dir nicht. Verlasse das Schiff.”

Was sollte das? Stand er unter Schock? Wie er wollte – aber eine Sache musste ich noch erledigen: die toten Piraten untersuchen.

Die Rüstungen kannte ich nicht. Unscheinbar, dunkel. Keine Claw Salamanders, keine Shattered Blades. Wer waren diese Typen? Ich packte ein, was in meinen Rucksack passte, und ging von Bord.

Als ich zur Ironclad schwebte, fiel mein Blick auf die Cutlass. Eine Idee schoss mir durch den Kopf. Ich änderte den Kurs.

Die Heckrampe öffnete sich schwerfällig. Im Frachtraum traute ich meinen Augen kaum: ein Waffenschrank voller Waffen, Komponenten, Vorratskisten. Fette Beute. Planänderung.

Mehrmals pendelte ich zwischen Cutlass und Ironclad und sicherte die Beute. Dann lud ich die Daten des Navigations-Computers herunter.

Wenig später parkte ich die ‘Rusty Brick’ außerhalb des Asteroidengürtels. Rebekkas Gesicht flackerte auf dem Bildschirm. 

“Ich übermittle euch die Navigationsdaten der Angreifer. Vielleicht könnt ihr herausfinden, wo die Cutlass herkam.”

Rebekka nickte.

“Gute Idee. Und wegen der Anlage, die du gefunden hast. Wir haben keine Ahnung, was das ist. Wir schicken einen Agenten, der soll sich das genauer anschauen.”

Ihr Bild verschwand. Ich stand auf und schaute aus dem Cockpitfenster. Das schwache Schimmern des Asteroidengürtels verlief links und rechts wie eine transparente Wand, wurde enger und vereinte sich in der Ferne zu einem Lichtpunkt. 

Ich war froh, dass sie mich nicht schickten. Irgendetwas an dieser Anlage war falsch.