Ein Komponenten Verkauf lief anders als geplant.
Schrille Leuchtreklamen, fortwährende Beschallung – ArcCorp, der Stadtplanet, der niemals schlief. Eine Reizüberflutung, die ich nur schwer ertragen konnte. Lange war ich nicht hier gewesen. Ein Transportauftrag der People’s Alliance hatte mich hergeführt– und ein möglicher Käufer für die Schiffskomponenten, die ich gefunden hatte.

Ich stand vor der G-Loc Bar. Die grelle Beleuchtung blendete. Warum hatte ich keine Sonnenbrille dabei? Weil es Nacht war. Verrückt eine Sonnenbrille zu brauchen wenn die Sterne am Himmel standen. Ich drängte mich an einigen Gästen vor dem Eingang vorbei und ging in die Bar.
Laute Musik, Stimmengewirr, der Tresen voller Menschen. Wie Tiere am Futtertrog standen sie dort. Ich ging vorbei, Rust gab es hier eh nicht, nur diese Limonade Schmolz– angeblich Bier, aber eher was für schwache Kehlen. Rechts im hintersten Eck, direkt am Fenster, war ein freier Tisch. Ich setzte mich und wartete auf meinen Käufer.
Ich hatte keine Ahnung, wer er war. Ben war sein Name, lebte im Stanton-System, machte hier Geschäfte. Bestimmt so ein UEE Schnösel. Um nicht ganz zerlumpt auszusehen, hatte ich meine Mercury Star Runner Lederjacke und eine Jeans angezogen. Ein bisschen Seriosität konnte nicht schaden.
Ein Typ lief zum Nachbartisch. Rot-grüne Haare, Brille, aufwändiges Tattoo, das vom Nacken bis hinter die Ohren reichte. Es waren schon wilde Gestalten im Nachtleben auf ArcCorp unterwegs.
“Heißt einer von euch Zero Sense?”
Verdammt, Schrei meinen Namen halt noch lauter durch die Bar.
“Hey, hier”, raunte ich.
Ben setzte sich mir gegenüber.
“Du bist Ben? Hast Interesse am XL-1 Quantum-Drive?”
“Ja genau. Du bist Zero?”
Wir unterhielten uns. Ben war von ArcCorp, hatte ein Transportunternehmen – Gridworks Collective. Drei Angestellte, suchte aber auch immer wieder freie Mitarbeiter. Ich erzählte,dass ich bei der Rust Society sei und Aufträge annehmen könnte. Er hatte sich kürzlich eine brandneue MISC Hull‑B gekauft und wollte sie aufrüsten.
Wir gingen in meinem Hangar an Bord der White Rabbit, um mein Angebot zu begutachten.
“Der XL-1 ist ein militärischer Grade A, den schnellsten den es gibt. Damit wirst du zum Eilboten”, pries ich den Quantum-Antrieb an.
Ben schlich wie ein Kopion um die Komponente.

“Wo hast du den her? Ist damit alles in Ordnung, oder muss ich mit irgendwelchen Problemen rechnen?”
“Aus dem Nyx-System. Hab ich ganz legal aus einer Corsair.”
Das war zwar nicht falsch, aber nicht die ganze Wahrheit. Der XL-1 lag zusammen mit weiteren Komponenten im Frachtraum einer im All treibenden Corsair. Ich hatte keine Ahnung wem die Corsair gehörte und woher die Komponenten stammten, aber das musste ich Ben nicht auf die Nase binden.
“Mmh”, brummte Ben. “Was hatten wir gesagt?”
“500.000”
Ben überlegte, schaute in sein Mobiglas.
“Bei meinen Transportflügen, auch nach Pyro, wäre das Teil schon von Vorteil. Lass mal schauen, welche Möglichkeiten ich habe.”
“Du fliegst nach Pyro? Schau hier. Das ist ein militärischer Powerplant, könnte auch nützlich sein.”
Ich zeigte auf die Komponente, die neben dem XL-1 stand.
“Wie viel?”
“Der ist nur Grade C. Wenn du beide nimmst, zusammen 700.000.”
Ben überprüfte erneut sein Mobiglas, dann stimmte er zu. Ich wollte das Geschäft mit einem Rust besiegeln, doch Ben äußerte sich abfällig über Rust. Er bekam ein Schmolz, das ich noch an Bord hatte. Wir stießen an und gingen in seinen Hangar, um die Komponenten zu verbauen. Außerdem wollte ich die Hull-B sehen.
Ben lebte in seinem Hangar und hatte ihn beeindruckend eingerichtet. Sitzecken, Arbeitsbereich, Schlafbereich und jede Menge Deko, die er auf seinen Reisen gesammelt hatte. Es sah aus wie eine kleine Ausführung des Emporiums von Wikelo, dem Banu in Stanton. Während er mich herumführte, musste er immer wieder ans Mobiglas – wichtige geschäftliche Anrufe.

“Normalerweise nehme ich keine so kurzfristigen Aufträge an, aber das ist ein wichtiger Kunde”, erklärte Ben. “Keiner meiner Leute ist verfügbar. Könntest du mir spontan helfen?”
Ben schien ein netter Kerl zu sein, kein UEE-Schnösel wie zunächst befürchtet. Wir hatten ein gutes Geschäft gemacht und ich hatte noch weitere Komponenten, die ich an ihn verkaufen könnte. Kundenpflege– und die Chance, die Hull‑B im Einsatz zu sehen. Warum nicht.
Die Hangar-Crew hatte die Komponenten inzwischen verbaut. Wir gingen an Bord. Rote Alarmlichter blinkten. Irgendwas stimmte nicht. Im Maschinenraum prüfte Ben die Systeme.
“Ein Versagen des Power Plant. Was hast du mir da verkauft?”
Mir wurde heiß. Den Powerplant hatte ich erst gestern an einem Außenposten gefunden, neben einem verlassenen Schiff. Überprüft hatte ich ihn nicht. Platzte jetzt mein Geschäft?
Ich öffnete die Klappe, hinter der sich der Power Plant befand.
“Hast du ein Reparatur-Tool?“
“Nein. Ich geh ins Cockpit und schau, was ich von da machen kann.”
Ben verschwand. Ich stellte mich ans Ingenieur-Terminal. Ein Alarm, Power Plant ausgefallen. Keine Energie, nichts funktionierte. Verdammt.
“Ich aktiviere die Auto-Reparatur”, meldete Ben über das Intercom.
Einige Sekunden verstrichen, dann verschwand die Fehlermeldung des Power Plant. Aber ein Fehler der Kühler wurde noch angezeigt.
“Ich fahr die Systeme einzeln hoch”, antwortete ich.
Powerplant – Energie verfügbar. Kühler – Fehler weg. Lebenserhaltung, go. Radar, go. Schilde, Antrieb. Ein Wummern ging durchs Schiff, das Terminal vibrierte. Alles im grünen Bereich. Ich atmete auf. Gerade nochmal gut gegangen.
Wir flogen zur Orbitalstation Baijini Point und nahmen Pressericed Ice auf. Ben arbeitete draußen im EVA, ich bediente den Traktorstrahl vom Co-Pilotensitz. Danach Everus Harbor. Gleicher Ablauf. 300 SCU Eis in kürzester Zeit be- und entladen. Die Hull‑B war ein effizientes Arbeitstier. Mit der Star Runner hätte ich für ein Zehntel der Ladung genauso lange gebraucht. Beeindruckend.

Durch das Cockpitfenster sah ich Ben, wie er den externen Frachtaufzug steuerte. Die Container verschwanden hinter einem gigantischen Tor. Die Sicht überraschte mich – MISC-typisch nur ein Sehschlitz, der sich wie ein Panoramafenster von links nach rechts zog. Aber besser als in der Starlancer. Trotzdem: Für mich war die Hull‑B nichts. Zu sehr auf Container ausgelegt. Ich brauchte ein Mehrzweckschiff. Ein größeres als die Star Runner wäre aber manchmal von Vorteil. Vielleicht gab es etwas Interessantes auf der Defence Con, die nächste Woche auf ArcCorp stattfand.
Wir flogen zurück nach ArcCorp. Es war ein ausgesprochen entspannter Trip. Gechillt im Co-Pilotensitz, keine Verantwortung, keine Gefahren und Ben war eine angenehme Begleitung. Und ich hatte ein gutes Geschäft mit ihm gemacht, weitere nicht ausgeschlossen.
Nach der Landung verabschiedete ich mich von Ben.
“Mal schauen, ob ich mir ein Hub nehme und bis zur Defense Con bleibe, die nächste Woche in Area18 startet.”
Kaum hatte ich den Hangar verlassen, fiel mir ein – der Transportauftrag der People’s Alliance. Der ging nach Stanton und mit frischer Ware wieder zurück nach Nyx. Ich konnte nicht bleiben, die Ware wurde dringend in Levski gebraucht.