Eine offene Rechnung, Geschichten aus der Vergangenheit, ein vermeintlich harmloser Transportflug offenbarte Unerwartetes.
Die Raffinerie war endlich fertig mit den Construction Materials von unserem Salvage Run. Und dann hatte ich noch ein paar Container, die in Levski niemand kaufen wollte – weil sie als gestohlen deklariert waren. Wieso gestohlen? Die lagen herrenlos herum. Du kannst behalten, was du findest. Dann musste ich halt auf dem Weg ins Stanton System einen Zwischenstopp in Pyro machen. Dort fragte niemand nach der Herkunft der Ware. Ich schickte Pike und Zwiebus eine Nachricht, ob sie Lust hätten mitzukommen. Kurz darauf tauchten beide in meinem Hangar auf.
Beim Verladen der Container fragte Zwiebus.
“Wir verkaufen das Construction Material in Stanton?”
“Ja genau”, antwortete ich. “Dort bekommen wir den besten Preis.”
“Und die anderen Container – was ist das?”
“Die hab ich gefunden. Möchte ich unterwegs in Pyro verkaufen.”
“Pyro”, sagte Pike und hob die Augenbrauen. “Dann besetze ich gleich einen der Geschütztürme.”
Zwiebus zwängte sich in den Co-Pilotensitz. Wenig später passierten wir das Wurmloch in das Pyro-System. Dunkle braune Gaswolken, zerfetzte Asteroiden, Trümmer alter Raumstationen. Obwohl ich schon oft hier war, verlor es seine Bedrohlichkeit nicht. Sofort setzte ich Kurs auf Ruin Station.
Ohne Zwischenfälle erreichten wir die alte, heruntergekommene Raumstation im Asteroidengürtel des Planeten Terminus.
“Ist das nicht …”, sagte Pike irritiert und blieb im Eingangsbereich der Station stehen.
An einer Gatling war ein Frauenkörper mit Ketten aufgehängt. Schlaff hingen ihre Gliedmaßen und ihr Kopf nach unten.
“Ja. Amelia Boyd – die Anführerin der Frontier Fighters”, stellte ich teilnahmslos fest. “Sie hing schon mal hier und wurde zwischenzeitlich abgehängt. Keine Ahnung, welches Zeichen sie setzen wollen.”
Für einige Sekunden blieben wir vor dem aufgehängten Körper stehen, dann gingen wir weiter, vorbei an Unrat und Müll. Ein fernes Stimmengewirr schwoll an, wurde lauter, bis wir mitten drin standen – im Markt aus notdürftig zusammengezimmerten Buden, die Lebensmittel, Waffen und Klamotten anboten. Es roch nach verbranntem Fleisch, Schweiß und Alkohol.

Ich zeigte in eine Ecke und sagte:
“Da hinten gibt es Rust. Ich geh zum Admin-Schalter und verkauf die gefundene Ware. Bin gleich wieder da.”
Der Typ am Admin schaute mich intensiv an, tippte auf sein Terminal, blickte auf und grinste.
“Tex will mit dir reden. Er wartet oben.”
Mir wurde heiß und kalt. Tex – der Gangster, bei dem ich die Schutzanzüge für Levski gekauft hatte. Die Rechnung war noch nicht beglichen. Was auch immer er von mir wollte, es konnte nichts Gutes sein. Ich gab Zwiebus und Pike bescheid, dass sie warten sollten, dann lief ich mit weichen Knien die Treppe hoch.
Wieder saß ich wie ein kleiner Schuljunge auf dem verranzten Sofa und wartete. Auf dem Grill züngelten Flammen an verbrannten Fleischspießen. Nervös knetete ich meine Finger. Dann kam Tex, zwei Bodyguards im Schlepptau. Er stellte sich direkt vor mich, verschränkte die Arme vor seinem dreckigen Trägershirt.
“Zero. Du hast dir viel Zeit gelassen, um deine Schuld zu begleichen”, brummte er mit rauchiger Stimme.
Ich lehnte mich zurück und schaute ihn an.
“Du weißt schon, den Gefallen, den du mir noch schuldest”, fuhr Tex fort.
Ich nickte leicht. Tex klatschte in die Hände, setzte sich auf das gegenüberstehende Sofa und winkte einem seiner Leute zu. Der gab mir ein Tablet.
Abholort Ashland: 2 SCU SLAM, 2 SCU Neon
Abholort Devlin Scrap & Salvage: 4 SCU E’tam
Zielort: August Dunlow Spaceport
Ich blickte vom Tablet auf und schaute Tex direkt in die Augen.
“Leichte Übung.”
Verflucht – hätte besser die Klappe gehalten. Am Ende dachte Tex noch, das war zu wenig und wollte mehr. Sekunden verstrichen. Das Feuer knisterte, die Stimmen des Marktes verblassten. Die Zeit schien still zu stehen.
Dann bedeutete mir Tex mit einem Handzeichen, zu gehen. Nichts wie raus! Ich ging die Treppe hinunter, nahm am erstbesten Stand eine Flasche Wasser und kippte sie hinunter. Zwiebus und Pike tauchten auf.
“Alles klar Zero? Was war los da oben?”
“Sag ich euch im Hangar. Los, weg hier.”
*
Es war Nacht, als wir Ashland erreichten. Dunkelheit umhüllte die Gebäude. Mitten in der Siedlung brannte ein Feuer und warf einen schaurigen Schimmer auf die Umgebung. Im flackernden Schein der Flammen tanzten Schatten.

“Ist das nicht ein Posten der Headhunter?”, fragte Zwiebus. “Was hast du mit denen zu tun?”
“Nichts”, antwortete ich angespannt. “Wir holen die Drogen ab, das war’s.”
Die Headhunter waren keine Freunde von mir, aber auch keine Feinde. Vielmehr machte mir anderes Gesindel Sorgen, das die Siedlung aufsuchte. Wir landeten direkt an einem Frachtaufzug. Die Heckrampe ging auf. Nervös schaute ich in die Dunkelheit. Die tanzenden Lichter gaben keine Bewegung preis.
“Zwiebus, bleib in Deckung und halt mir den Rücken frei.”
Ich rannte die Rampe runter. Zwiebus blieb in meiner Nähe, Pike sicherte uns von Bord aus. Rumpelnd brachte der Frachtaufzug die Container nach oben. Es dauerte eine Ewigkeit.
“Es ist so ruhig. Wo sind denn alle?”, flüsterte Zwiebus.
“Da lungern welche auf den Dächern rum”, stellte Pike fest. “Die sind bewaffnet.”
“Wir bleiben keine Sekunde länger als nötig”, mahnte ich.
Als die Container endlich an Bord waren, sagte Pike.
“Die Sensoren zeigen, dass da hinten Decari Pods sind. Die sind viel wert.”
Ich überlegte kurz – ein Risiko, eine Gelegenheit – warum nicht. Am Rande der Siedlung befand sich eine Farm. Gehörte vermutlich den Headhuntern. Pike ging mit Zwiebus raus, ich blieb im Pilotensitz, bereit einen Blitzstart zu machen. Würden die Headhunter das als Diebstahl sehen? Da meldete sich Zwiebus im Funk.
“Die Typen auf den Dächern werden auf uns aufmerksam. Das gefällt mir nicht.”
Verflucht, ich hatte es befürchtet.
“Beeilt euch”, raunte ich.
Nachdem Pike alles geerntet hatte, gab ich vollen Schub. Die White Rabbit verschwand dröhnend in der Dunkelheit der Nacht. Erst im Quantum Flug zum Stanton Gateway löste sich die Anspannung an Bord. Zwiebus fragte, ob ich sowas öfter machen würde. Konnte ich offen antworten? Bei unserem letzten Gespräch hatte Zwiebus betont, dass er froh sei, dass Drogen verboten seien.
Ich erzählte von meinem Auftrag die Schutzanzüge zu organisieren und dass ich nur auf Ruin Station welche bekommen hatte. Der Schmuggel sei Teil des Deals gewesen.
„Ich musste den Deal eingehen, sonst hätte es in Levski während der Epidemie keine Schutzanzüge gegeben. Und ja”, gestand ich ein. “Ab und zu transportiere ich Dinge ohne Fragen zu stellen. Hast du noch nie etwas getan, das in den Augen anderer falsch ist?”
Nach einer kurzen Pause begann Zwiebus zu erzählen – und hörte nicht mehr auf, als wollte er etwas loswerden. Er hätte kein Problem damit, die Drogen nach Stanton zu bringen – Hauptsache nicht nach Levski. Dann erzählte er, dass er auf der Archangel-Station gearbeitet hatte, wo er militärisches Equipment beiseitegeschafft und verhökert hatte. Dort hatte er Alaska kennengelernt. Der hätte die Frachtpapiere gefälscht.
Sieh mal einer an, wir alle hatten unsere speziellen Seiten.
“Wir erreichen das Stanton Gateway. Volle Aufmerksamkeit”, unterbrach ich den Redefluss von Zwiebus.
Wir fielen aus dem Quantum Flug. Mit minimaler Signatur glitt die White Rabbit fast unsichtbar zwischen Asteroiden und Trümmern auf das Wurmloch zu. Dann tauchte sie in den Tunnel. Die Gefahren Pyros lagen hinter uns und das sichere Stanton System vor uns. Doch die Sicherheit war eine Bedrohung für uns. Kontrollen der Sicherheitskräfte drohten.

Das Wurmloch spuckte uns in Stanton aus. Sanftes Licht vom Zentralstern flutete das Cockpit. Schnell setzte ich Kurs auf den äußersten Planeten Microtech. So schnell die White Rabbit aufgetaucht war, verschwand sie wieder. Ein weiterer langer Quantum Flug lag vor uns.
Bisher lief alles reibungslos. Noch ein Stopp, noch einmal Drogen einladen, noch ein riskanter Ort – Devlin Scrap & Salvage, der Schrottplatz auf dem Mond Euterpe. Wieder war es Nacht, wieder gingen Zwiebus und ich raus und Pike sicherte aus dem Schiff. Und wieder gab es keine Zwischenfälle. Es lief glatt – zu glatt?
Wir mussten nur noch abliefern und damit die offene Rechnung begleichen.
“Wieso Orison?”, fragte Zwiebus, als wir in die Wolken des Gasriesen Crusader eintauchten.
„Vermutlich vertickt jemand das Zeug in der Voyager Bar, wenn die Reichen und Mächtigen dort feiern”, vermutete ich.
“Hast Du keine Sorge, dass wir kontrolliert werden?”, wollte Pike wissen.
“Nein, die kennen mich hier. Ich hab mal in der Wolkenstadt gearbeitet.”
“Du hast was? Du steckst voller Überraschungen.”
Nachdem wir die Drogen übergeben hatten, flogen wir unser letztes Ziel an – Terra Mills Hydro Farm auf dem Mond Cellin. Dort luden wir das Construction Material aus.
Im Lagergebäude klopfte ich irritiert gegen das Terminal.
“Verdammt, ich kann das Construction Material nicht verkaufen.”
Nochmal hämmerte ich auf das Display.
“He vorsicht”, raunte mich der Typ am Tresen an.
“Na ja, dann kaufen wir halt so viele frische Lebensmittel wie möglich. Für den Verkauf komme ich wieder.”
In der Zwischenzeit hatte Pike einen ATLS Geo gefunden. Du kannst behalten, was du findest. Zwiebus lud die Frachtcontainer mit den Lebensmitteln in die White Rabbit, Pike seinen neu erstandenen Geo.

Dann machten wir uns auf den langen Rückweg nach Levski. Viel Zeit für alte Geschichten. Zwiebus hatte viel zu erzählen. Irgendwann schnitt er das Thema Drogen in Levski an. Auch den damaligen Todesfall in den Katakomben sprach er erneut an. Warum beschäftigte ihn die Ermordung von Kylo so sehr? Was führte Zwiebus im Schilde? Beiläufig erwähnte ich, dass der Drogenchemiker Wallace Klim einst in Levski gewohnt und gearbeitet hatte. Zu meinen Verbindungen mit Kylo und dem Drogenschmuggel schwieg ich.
Wir alle hatten unsere speziellen Seiten, aber manche Seiten blieben besser im Dunkeln.