Log #281 – Blockade

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Um Levski zu helfen, waren mehr als einfache Transporte nötig.


Es war eine seltsame Situation. Vor kurzem hatte ich Menschen in Cryopods nach Levski gebracht, jetzt brachte ich Menschen in Cryopods von dort weg. Besonders schwere Fälle der Molina Erkrankung. Ihr Zustand war kritisch. Die Klinik in New Babbage war besser ausgestattet als das Mercy in Levski. Hoffentlich schaffte ich es rechtzeitig. Und wenn nicht die Star Runner – welches Raumschiff dann.

Mein Frachtraum glich einem Leichenwagen. Zwölf Pods, die wie Särge wirkten. Dazu Container mit Proben des verdammten Schimmels, der wie ein lautloser Feind in den Kisten lauerte. Die Labore in New Babbage sollten ein Heilmittel finden. Beim Anblick der Fracht lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich wandte mich ab, ging ins Cockpit und startete. Ein letzter Blick auf Delamar, dann aktivierte ich den Quantum-Antrieb.

In der Küche holte ich mir ein Rust, legte die Beine hoch und starrte in die Sterne, die sich zu langen, fließenden Bahnen verzogen. Lange Quantum-Flüge hatten etwas Meditatives – Zeit, die Gedanken zu sortieren. Das Wiedersehen mit Brubacker nagte an mir. Er hatte sich verändert, war nicht mehr der, den ich einst kannte. Hatte ich den echten Brubacker überhaupt je gekannt? Etwas Dunkles lag über ihm, wie ein Schatten, der nicht von ihm selbst stammte. Glaubte er selbst, was er sagte? Seine verrückte Geschichte wirkte wie eine Fata Morgana. Wenn es nicht real war, warum hielt er dann die Wahrheit über Dr. Jorrits Forschungen zurück? Ein tiefer Seufzer entwich mir. Ich legte Musik von Mitch van Hayden auf, schloss die Augen und surfte mit dem Beat die Quantum-Welle durch die Sterne.

Der Planet Microtech tauchte aus dem Schwarz auf – die Eiskugel von Stanton, Innovationszentrum und Heimat unzähliger StartUps. Die frostigen Temperaturen waren ein Segen für die Rechenzentren der Tech-Industrie. Dabei war das kalte Klima das Ergebnis eines Terraforming-Fehlers. Die “White Rabbit” stieß in die Atmosphäre, durchbrach die Wolken. Der New Babbage Interstellar Space Port kam in Sicht. Wie eine Festung trotzte er am Berghang den starken Schneestürmen. Auf der anderen Seite des zugefrorenen Sees ragten die Hochhäuser der Stadt wie Eisskulpturen in den Himmel. 

Warum hat das UEE die neue Terraforming-Methode nicht genutzt, um die Fehler auf Microtech zu korrigieren? Warum terraformten sie stattdessen ungefragt Nyx I? Ja, sie halfen der People’s Alliance bei der Molina Krise – doch Zweifel an der Aufrichtigkeit blieben.

Die Stimme der Flugkontrolle riss mich aus meinen Gedanken.

“Sie erhalten Position 3 für die Landung.”

Was für ein Flugbetrieb. Waren alle hier, um zu helfen? In einer Warteschleife zog ich Kreise über die glitzernde Eislandschaft. Erinnerungen an die Microtech-Umrundung der Free Riders of Stanton wurden wach. Damals, als die Beziehung zu Brubacker und Husky noch unbelasteter und Hermieoth noch unter uns war. Inzwischen waren wir gezeichnet von unseren gemeinsamen Erlebnissen.

Nach der Landung stand ich in der hochmodernen Flughalle einem Angestellten am Admin-Tresen gegenüber. Hinter Brillengläser blickten mich sorgenvolle Augen an.

“Eigentlich hätten wir Container mit speziellen Luftfiltern, die sie nach Levski bringen sollen…..”

“Aber….?”, fragte ich gedehnt.

“Die hängen auf der Orbitalstation Port Tressler fest.”

“Dann hole ich sie dort ab.”

“Na ja, das ist nicht so einfach. Eine Blockade ist im Gange – 2 Idris Fregatten und 3 Polaris Korvetten lassen niemanden rein oder raus.”

Ich hob die Augenbrauen.

“Warum? Wer macht denn sowas? Scheiß drauf. Ich hab eine Star Runner. Gilt als Blockadebrecher. Ich hol die Container.”

Auf dem Weg zum Hangar brabbelte ich fluchend vor mich hin. Was beim Propheten war da los? Erst keine Schutzanzüge über offizielle Kanäle, jetzt blockierte Luftfilter! Und wieder musste die Rust Society ran. Das roch nach Verschwörung.

Minuten später war ich im Orbit. Rot markierte Feindkontakte ploppten auf dem Radar auf. Scheiße – ich musste da durch. Die Triebwerke schoben die “White Rabbit” mit maximalem Schub vorwärts. Ich wurde in den Sitz gepresst, das Atmen fiel schwer. Tastend fand ich den Schalter für die Anflugkontrolle. Sofort wurde mir ein Hangar zugewiesen – auf der gegenüberliegenden Seite der Station. 

Die „White Rabbit” schoss wie eine Rakete an der Station vorbei. Links versuchte ein Großkampfschiffe mich abzufangen – zu langsam. Rechts tauchte ein weiteres auf. Wütende Lasersalven rasten an der Cockpitscheibe vorbei.

Ich tauchte unter dem Hangar hindurch. Der Eingang lag in entgegengesetzter Richtung. Ich drehte das Schiff um 180 Grad. 3 – 2 – 1 – Mit Wucht presste ich den Schubhebel nach vorne und drückte den Boost-Knopf. Die Triebwerke brüllten, das Schiff zitterte, mein Blick trübte sich. Das halboffene Hangartor entfernte sich – erst schnell, dann immer langsamer, um dann immer schneller näherzukommen. Mühsam korrigierte ich den Anflugvektor. Wie ein Geschoss donnerte die „White Rabbit” in den Hangar. Das Fahrwerk schrubbte kreischend über den Boden, Funken stoben, die Wand kam näher. Ich hob schützend den Arm. 

Dann Stille, nur das abflauende Geräusch der Triebwerke. Ich senkte den Arm. Die Wand war nur wenige Zentimeter vor dem Cockpit. Im Kontrollraum des Hangars stand ein Lotse mit offenem Mund, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Die Container mit den Filtern waren schnell verladen. Jetzt musste ich unbeschadet von der Station weg kommen. Ich fuhr die Triebwerke hoch, programmierte den Navigationscomputer, hob wenige Meter ab und drehte das Schiff erneut um 180 Grad. Die VTOL Triebwerke ließen das schwebende Schiff erzittern. Angespannt schaute ich auf die geschlossenen Hangartore. Mit einem lauten Rumms löste sich die Verriegelung. Die Tore glitten auf – dahinter eine Polaris, lauernd wie ein Raubtier. Die Geschütztürme der Station eröffneten das Feuer.

Noch bevor die Tore ganz offen waren, schoss die “White Rabbit” hinaus. Ich riss das Steuer nach links. Das Schiff driftete, wehrte sich gegen den Richtungswechsel. In den Gurten hängend kämpfte ich gegen die Fliehkräfte und richtete das Schiff auf meinen Navigationspunkt aus. Die Kalibrierung des Bordcomputers startete. 10%, 30%, 50%. Ich stöhnte.

“Mach schon…!”

60%, 80%, 100% – Sprung.

Ich war im Quantum-Flug und sackte erschöpft im Pilotensitz zusammen.

*

Zwei Tage später war ich wieder in New Babbage. Die Filter hatte ich erfolgreich nach Levski geliefert und war mit weiteren Cryopods zurückgekehrt. Der Angestellte am Admin-Schalter erkannte mich sofort.

“Ihr Durchbruch bei Port Tressler war ganze Arbeit. Respekt.”

“Für die Freiheit”, sagte ich knapp.

“Wie auch immer. Im Namen der Alliance Aid soll ich ihnen das überreichen. Tragen Sie das, und die Frachtabwicklung geht künftig schneller.”

Er überreichte mir eine Kiste: ein Traktorstrahl, eine MedGun und eine braune Protektoren-Jacke mit vielen Taschen. Auf dem Rücken stand “Alliance Aid”, auf der Brust “TRANSPORT DIVISION”. Eigentlich gefiel sie mir. Sie passte zur Rust Society – nur das UEE Logo störte. Aber wenn sie half, sollte es mir recht sein. Und ich fiel weniger auf, verschmolz mit meinem Umfeld. Ein Weg mittendrin zu sein und trotzdem unter dem Radar zu bleiben. Wie damals, als ich mich als Nine Tail maskiert hatte. Vielleicht würde sie mir künftig noch nützlich sein.

Ich beschloss die Nacht in New Babbage zu verbringen. In der Promenade gönnte ich mir bei Whammer’s einen Burger. Auf dem Tisch lag ein Tablet mit Nachrichten.

“Haftstrafe angetreten – Nordlicht CEO Friedrich Winters verurteilt”

Verurteilt wegen unserer Angriffe auf die ASD Einrichtungen in Pyro. Das konnte nicht wahr sein. Brubacker hatte gesagt, Smith habe einen Deal ausgehandelt und wir wären frei vor Verfolgung. Galt das nicht für Friedrich – oder war es eine Lüge? 

Die zweite Nachricht machte mich noch misstrauischer. Ein SSN-Newsflash über Dr. Jorrits Forschungen mit Vanduul-Technologie. Unethisch, ohne Freigabe, bis vor den Senat gegangen. Imperator Addison sprach von Sanktionen und einer möglichen Suspendierung der ASD-Lizenz.

Ich senkte das Tablet und starrte ins Leere. Unsere Ermittlungen waren also nicht umsonst gewesen. Die Hockrow Agency oder deren Auftraggeber hatten unsere Erkenntnisse weitergegeben. Aber warum hatte Brubacker behauptet, er dürfe nichts veröffentlichen – Smith hätte es untersagt, die Wahrheit sei zu gefährlich? Hatte er uns getäuscht? Und welches Spiel spielten Smith – und Brubacker?