Zurück im Pyro-System erwartete mich eine Überraschung.
Undurchdringliche braune Gaswolken. Mehr war durch die Cockpitscheibe nicht zu sehen. Die White Rabbit glitt geschmeidig hindurch. Dann schälten sich die ersten Konturen aus der Suppe – Asteroiden, erst schemenhaft, dann klar. Schließlich die Form einer in die Jahre gekommenen braunen Raumstation. Der Verfall war von außen deutlich zu erkennen.
Trotz der herrschenden Zustände war ich froh, wieder im Pyro-System zu sein. Stanton war mir fremd geworden. Das UEE und die Megakonzerne gaben Freiheit vor. Tatsächlich drangen sie in unsere Köpfe ein. Sie sagten was wir tun sollen, was wir denken sollen – nicht Rennen, nicht stehen bleiben, nicht mit E’tam handeln – es fühlte sich nicht nach Freiheit an. Pyro war gefährlich – und dennoch fühlte ich mich hier freier.
Die raue Stimme der Flugkontrolle ertönte im Funk – Landefreigabe. Sekunden später setzte die White Rabbit im halbdunklen Hangar auf. Quietschend und stöhnend schlossen sich die Hangartore. Ich fiel zurück in den Pilotensitz und schloss für einen Moment die Augen – geschafft. Eine weitere wertvolle Lieferung sicher nach Pyro gebracht. Die Routen waren riskant, aber lukrativ. Und ich konnte Menschen helfen – freien Menschen – die außerhalb der Kontrolle des UEE lebten und von keiner Obrigkeit versorgt wurden.

Nachdem die White Rabbit entladen war, flog ich zur Raumstation Patch City. Dort hatte ich Diamond Laminate eingelagert. Es war eine extrem wertvolle Ware, die großen Profit versprach. Allerdings kannten auch Piraten die Orte, an denen man es gewinnbringend verkaufen konnte.
In Patch City stand immer noch die Prowler Utility, die mir von der Rust Society für eine Lieferung bereitgestellt worden war. Das Stealth Schiff war ideal, um das Diamond Laminate nach Jackson’s Swap auf dem Planeten Monox zu bringen.
Ein warmes Gefühl von zu Hause ergriff mich, als ich mit der Prowler auf die rotbraune sandige Oberfläche von Monox hinab sank. Der Wüstenplanet war mir ans Herz gewachsen und ein Ort des Rückzuges geworden.
Als ich mich Jackson’s Swap näherte, tauchten mehrere Radarsignaturen in und um die Siedlung herum auf. Jede einzelne konnte ein Pirat sein. Nervös schaute ich auf den Scanner. Die Schiffe waren verlassen. Es schien alles ruhig zu sein – vorerst.
Schnell kam die Siedlung und die ersten Schiffe in Sicht. Eine Starlancer Max, die Flügel waren abgebrochen. Dann eine Argo RAFT, zwei Fahrwerke fehlten. Ein ungutes Gefühl kroch in mir hoch. Jackson’s Swap war ein Handelsposten, kein Schrottplatz. Dann sah ich Frachtcontainer, die überall herum lagen. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung.
Langsam kreiste ich über den Gebäuden. Eine Gefahr konnte ich nicht erkennen und landete. Staub wirbelte auf, als ich von der Leiter sprang und meine Stiefel im Sand landeten. Mein Blick schweifte über die Siedlung. Jetzt musste es schnell gehen. Eilig beförderte ich die Container mit dem Diamond Laminate von der Prowler auf den Frachtaufzug. Schließlich stand ich an der Steuerkonsole des Aufzugs – der letzte kritische Moment.
Sand lag auf dem Display. Mit dem Handrücken wischte ich ihn weg und kniff die Augen zusammen. Die Sonne spiegelte sich auf der Anzeige. Plötzlich hörte ich ein Kreischen – ein Marok kreiste über mir. Ich schüttelte den Kopf und drückte auf den Knopf. Quietschend fuhr die Plattform nach unten und beförderte meine Ware in die Sicherheit des Untergrundes.
Im Handelsgebäude verkaufte ich das Diamond Laminate.
“Was herrscht denn da draußen für ein Chaos?”, fragte ich den Händler.
“Es gab einen Überfall – mal wieder”, antwortete er mit einem Schulterzucken.
“Und die Container haben die Piraten nicht mitgenommen?”
“Nur das wertvolle Zeug, den Rest haben sie liegen lassen. Jetzt warten wir auf die Leute vom Schrottplatz in Sunset Mesa. Die räumen auf.”
“Da flieg ich jetzt hin. Ich kann denen sagen, dass ihr wartet.”
Kurz darauf landete ich im wenige Kilometer entfernten Sunset Mesa und traf Gerald.

“Zero, schön dich zu sehen”, begrüßte er mich freundlich. “Lass uns setzen, ich möchte mit dir reden.”
Wir gingen in eine ruhige Ecke, in der zwischen mehreren Pflanzen zwei Stühle standen.
“Zero, du warst uns in den letzten Monaten eine große Hilfe”, begann Gerald. “Mit Versorgungsflügen, beim Salvaging und auch bei Reparaturen.“
Er machte eine betonte Pause und schaute mich lächelnd an.
“Die Ortsgruppe auf Monox würde dich gerne als Mitglied der Rust Society sehen”, sagte er schließlich in einem feierlichen Ton.
Ich war baff. Die Rust Society – die Organisation von Transport- und Bergungsunternehmern, die Informationen teilte, Neulinge in beiden Bereichen anleitete und die gefährlichen Frachtrouten bediente. Ich erinnerte mich an mein erstes Treffen mit Gerald, als er mir die Geschichte und Hintergründe der Rust Society erzählte.
“Ich denke, das ehrt mich”, sagte ich nachdenklich und richtete mich im Stuhl auf. “Aber steht ihr dem UEE nicht nahe? Wenn ich mich richtig erinnere, ist die Rust Society eingesprungen, als während des Ersten Tevarin-Kriegs die militärischen Nachschublinien unterbrochen wurden.”
“Da hast Du recht”, antwortete Gerald. “Damals fehlte es der Zivilbevölkerung an grundlegenden Gütern, da viele Piloten Lieferungen zu den von Tevarin bedrohten Systemen vermieden. Die Mitglieder der Rust Society sprangen ein und transportierten Lebensmittel in stark rationierte Gemeinden. Diese Einsätze beeindruckten die Militärs so sehr, dass sie sich nach dem Krieg an die Rust Society wandten und sich für deren Ausbau einsetzten. Heute haben wir Ortsgruppen in vielen UEE- und nicht UEE-Systemen. So auch im Nul-System.”
“Meine Heimat”, sagte ich leise.
“Ich kenne deine Abneigung gegenüber dem UEE, Zero. Du kannst das UEE verteufeln oder bekämpfen – besiegen wirst du es nicht. Aber Du kannst den Menschen helfen, die vom UEE unterversorgt werden – auch wenn du damit indirekt dem UEE hilfst. Und in der Rust Society überlassen wir inzwischen die Politik den Politikern. Du kannst also bei uns neutral sein und helfen, wo Hilfe benötigt wird.”
“Hmmm”, brummte ich und sank nachdenklich in die Stuhllehne zurück.
“Und selbst wenn du dich von allen UEE-Aufträgen und Systemen fernhälst, kannst du helfen und hast Vorteile. Wir teilen Informationen über Systeme, Gefahren und lukrative Handelsrouten. Du kannst Dienstleistungen an Orten anbieten, die von Unternehmen ignoriert werden. Du bekommst Hilfe von anderen Mitgliedern der Rust Society und du kannst dich an den Außenposten versorgen, die du anfliegst.”
“Ich könnte mit eurer Hilfe ganz unabhängig vom UEE den freien Völkern helfen?”
“Absolut!”
“Und euer Name geht zurück auf den Konsum von Rust?”
“Ja”, sagte Gerald lachend.
“Mh”, murmelte ich und kratzte in meinem Bart. “Klingt eigentlich nicht so schlecht.”
Gerald sprang auf und holte eine Kiste.
“Hier, anziehen”, sagte er freudig. “Unser Willkommensgeschenk. Wir tragen Outfits in Rot und Braun, um unsere Zugehörigkeit zu symbolisieren.“
Sekunden später trug ich einen braunen Raumanzug und eine braune Brustrüstung. Auf beiden stand ‘Rust Society’.
“Braun – die Farbe der Wüste. Wenn das kein Zeichen ist”, stellte ich lachend fest.
Der restliche Abend verlief feuchtfröhlich – traditionell mit einigen Dosen Rust.
