Log #280 – Epidemie

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Dramatische Entwicklungen und ein seltsames Wiedersehen in Levski.


Ein fortwährendes Husten hallte durch die Tunnel von Levski. Immer mehr Menschen erkrankten an einer unbekannten Krankheit, Medikamente gingen zur Neige. Ich hatte den Auftrag, Nachschub zu besorgen. 

Kurz vor meinem Abflug lief ich suchend über die Gallery des Grand Barter Bazaar, um mich von Pike und Alaska zu verabschieden. Ich erspähte die beiden – und traute meinen Augen nicht. Husky und Brubacker saßen bei ihnen. Wo beim Propheten kamen die beiden her? Seit den Ermittlungen in der Onyx-Anlage hatten wir keinen Kontakt. Alaska und Pike hatten einen unrühmlichen Abschied von Brubacker.

Alaska wollte Antworten und löcherte Brubacker. Doch der druckste herum. Es war ein seltsames Wiedersehen. Inmitten eines stetigen Stromes von hustenden Menschen standen wir uns gegenüber wie ein geschiedenes Paar, das sich argwöhnisch umkreiste. 

“… okay, aber nicht hier”, sagte Brubacker schließlich.

Ich zeigte mit dem Kopf in Richtung Ausgang. “Ich weiß einen stillen Ort.”

In einer verlassenen Kontrollstation des Bohrlochs standen wir uns zwischen alten Kisten und losen Kabeln gegenüber. Brubacker erzählte seltsam klingende Geschichten. Von Zeitreisen, Angriffen der Vanduul und einer Geheimorganisation, die die Menschheit retten will. Die Vanduul wollten die Zeitreise-Technologie stehlen und die Menschheit in der Vergangenheit angreifen. Smith und er würden dabei eine Rolle spielen. Es klang total verrückt. Alaska unterstellte Brubacker Märchen zu erzählen. Der gestand ein, dass es auch ihm unglaubwürdig vorkam. Doch was würde nach dem Erlebten in der Onyx-Anlage noch seltsam klingen? Alaska schien nicht zufrieden. Brubacker reagierte ungehalten. Betonte, dass jeder freiwillig dabei war und er empfohlen hätte, besser auszusteigen.

Ich fühlte mich wie auf Treibsand. Nichts ergab Sinn, alles geriet ins Wanken. Irgendwann konnte ich nicht mehr zuhören und platzte mit meinem Ärger heraus.

“Du hattest bei unseren Ermittlungen nur eine Aufgabe: alles zu veröffentlichen. Warum hast du das nicht getan?”

“Weil zu diesem Zeitpunkt niemand wusste, dass ein Vanduul Großkampfschiff nach Nyx unterwegs ist. Weil wir das vielleicht in der Onyx-Anlage selbst ausgelöst haben, wir vielleicht bald viele Menschen auf dem Gewissen haben, weil ich sie auch schützen wollte – vor allem aber weil Smith es brutal eingefordert hat.”

Ich winkte ab.

“Angriffe der Vanduul sind in Nyx nichts Neues. Und wir haben bei den Ermittlungen unser Leben aufs Spiel gesetzt, Hermieoth hat seines dabei verloren. Ich frage mich, ob das alles umsonst war.”

Brubacker rang nach Luft, dann fiel er ohnmächtig zu Boden. Das Gespräch war abrupt beendet. Husky brachte Brubacker ins Krankenhaus und traf mich anschließend.

“Er wird versorgt. Ich werde gleich wieder zu ihm gehen.”

“OK. Das war ein emotional sehr aufgeladenes Treffen. Wir sollten darüber schlafen und die Gemüter beruhigen. Ich muss los, Medikamente für Levski besorgen.”

*

Als ich von meinem Transportflug zurück war, hatte sich die medizinische Lage in Levski dramatisch verschärft. Menschenschlangen bildeten sich in der Klinik. Keuchendes Husten lag in der Luft. Patienten warteten mit schmerzverzerrtem Gesicht auf Bänken und hielten sich den Bauch. Ein Arzt lief schimpfend durch die Reihen.

“Es sind die Sporen von diesen verdammten Pilzen, die überall wachsen.”

Was meinte er? Der Pilz Miner’s Horn wuchs schon immer auf Delamar und war eine Ressource für die Siedler. Probleme hatte er noch nie verursacht. Die Antwort fand ich in einem Tunnel, der zum Grand Barter Bazaar führte. Wachen standen davor, Schilder warnten vor Schimmelgefahr. Auf einem Schild stand: vermeide Molina. Ich sprach eine Wache an.

“Was ist hier los? Und was ist Molina?”

“Da drin wachsen krasse Pilze die Sporen aussondern. Ist gefährlich. Gab schon einen Toten, Molina hieß der. Das Zeugs haben sie nach ihm benannt.”

Das musste ich mir genauer anschauen. Ausgestattet mit einem Gummianzug und einer Schutzhaube betrat ich den Tunnel. Die Warnung der Wache wischte ich beiseite. Die Gummistiefel quietschten bei jedem Schritt. Es zwickte und zwackte und war viel zu warm. Nach wenigen Metern stand ich mitten drin: Pilze überwucherten Boden, Wände, Kisten. Es glich einer stillen Invasion. Myriaden von Sporen trieben als feiner Nebel durch den Tunnel. Fasziniert und entsetzt zugleich betrachtete ich den Eindringling. Der Pilzkörper glich optisch Miner’s Horn, nur die Farbe war anders. Wenn Alaska hier wäre, hätte er bestimmt eine wissenschaftliche Erklärung. Wissenschaft, das war die Lösung. Ich nahm eine Probe und ging damit in die Klinik.

Der Arzt starrte mit großen Augen auf die Pilzkörper. Neben den Molina Mold hatte ich einen Miner’s Horn gelegt. 

“Sind sie lebensmüde? Und was soll ich damit?”

“Untersuchen”, antwortete ich knapp.

“Nicht nötig. Ich habe Sporen aus der Lunge des Toten Molina.” 

Grimmig schaute ich den Arzt an. “Und jetzt? Fall erledigt oder was?”

“Aus medizinischem Standpunkt habe ich genug Proben, nur noch kein Heilmittel. Bis dahin wäre die Frage, wo das Zeug herkommt und wie wir die Ausbreitung eindämmen.”

“Und wer kümmert sich darum?”

“Das ist Aufgabe der Stationsverwaltung. Die wollen aber niemanden da rein schicken. Es fehlt an Schutzanzügen.” 

30 Minuten später hatte ich den Auftrag der Stationsverwaltung, Schutzanzüge zu organisieren. 

Es erwies sich als schwieriger als gedacht. Tagelang streifte ich durch die Shops in Stanton – nichts. Nutzte jemand die Notsituation für spekulative Geschäfte? Oder sollte die People’s Alliance bewusst geschädigt werden? Ich musste einsehen, dass es keinen offiziellen Weg gab, um an Schutzanzüge zu kommen. Es war an der Zeit, einen anderen Weg einzuschlagen.

*

Ein Asteroid flog an der Cockpitscheibe vorbei … noch einer. Vor mir zwischen den Asteroiden lag mein Ziel, meine letzte Hoffnung. Mehr und mehr Adrenalin schoss durch meinen Körper. Ruin Station. Der dort ansässige Markt bot alles – letzte Chance, Enttäuschungen, Gewinne und Tod. 

Ranzige Luft, dämmriges Licht, rostige Wände, Müll. Die Eingangshalle war alles andere als einladend. Immerhin hing der Leichnam von Amelia Boyd nicht mehr am Durchgang. Ich passierte die bewaffneten Wachen und ging direkt zum Markt.

Die Verkäufer in den Bretterbuden priesen lautstark ihre Waren an. Doch sie hatten nicht das, was ich brauchte. Ich versuchte mein Glück am Admin-Schalter. 

“Schutzanzüge?”, brummte der Typ hinter dem vergitterten Tresen. “Sind gerade stark nachgefragt.” Er machte eine betonte Pause. “Vielleicht habe ich was für dich. Warte fünf Minuten, dann gehe nach oben und frag nach Tex.”

Oben – die Galerie oberhalb des Marktes. Das Reich der Gangs, der Ort, an dem die dunklen Geschäfte abgewickelt wurden. Zutritt nur auf Einladung. An einem Stand kaufte ich eine Dose Rust und wartete – fünf Minuten. Dann stand ich an der Treppe. Die Wache richtete schweigend ihre Waffe auf mich.

“Ich will zu Tex!”, sagte ich bestimmt.

Die Wache senkte die Waffe, forderte mit einer Handbewegung auf zu folgen und ging die Treppe hoch. Sie führte mich durch dunkle Gänge zu einem Balkon, von dem man auf den Markt schauen konnte. Sie deutete auf ein verranztes Sofa.

“Setzen! Und nicht vom Fleck bewegen!”

Dann verschwand sie. Auf dem Balkon stand ein zweites Sofa und ein Grill, aus dem kleine Flammen um Spieße züngelten. Es roch nach verbranntem Fleisch. Von unten drangen dumpf die Geräusche des Marktes nach oben. Nervös schaute ich mich um.

Dann tauchte ein Typ auf. Dreckiges Trägershirt, vernarbtes Gesicht, Tattoos. Er nahm einen Spieß vom Grill, setzte sich auf das zweite Sofa und knabberte an dem verkohlten Fleisch. Zwei Gorillas postierten sich mit verschränkten Armen hinter ihm. Nachdem er den Spieß abgenagt hatte, warf er ihn über die Brüstung und leckte sich die Finger ab. Dann schaute er mich an.

“Du suchst Schutzanzüge?”

Ich nickte. Er wischte mit dem Handrücken über seinen Mund.

“Das kostet dich was.”

Ich nickte erneut und fragte mich, ob die Schutzanzüge den Preis wert waren, egal was er verlangte. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Typ qualitativ brauchbare Ware hatte.

“Geld ist das eine, was ich von dir bekomme. Du schuldest mir dann noch einen Gefallen, den ich zu gegebener Zeit einfordern werde.”

Irritiert schaute ich Tex an. 

“Dann kenne ich den Preis nicht wirklich.”

Er lehnte sich gleichgültig ins Sofa zurück.

“Credits und einen Gefallen. Schlag ein oder lass es.”

Welche Wahl hatte ich? Ich schlug ein. Auf dem Raffinerie Deck überreichte er mir einen Container mit Schutzanzügen. Die meisten waren gelb, manche dreckig oliv. Ich wollte gar nicht wissen, woher sie waren.

Einige Stunden später war ich zurück in Levski und traf Rebekka. 

“Wir bekommen die Epidemie nicht in Griff und müssen etwas tun, was nicht jedem in Levski gefallen wird: Wir werden die im UEE ansässige Hilfsorganisation Alliance Aid um Hilfe bitten und mit der UEE zusammenarbeiten.“

Mit offenem Mund schaute ich Rebekka an.

“Zero, ich möchte dich bitten, über deinen Schatten zu springen und deine Abneigung gegen das UEE beiseite zu legen. Ich weiß, manche sagen, dass unsere Ideale nichts wert sind, wenn sie angesichts tödlicher Gefahr nicht standhaft bleiben. Aber was sind sie wert, wenn sie nur noch in Geschichtsbüchern stehen und sie niemand mehr lebt.”

Die Worte von Gerald bei meiner Aufnahme in die Rust Society kamen mir in den Sinn: Die Rust Society sprang ein, als Menschen von offizieller Stelle nicht ausreichend versorgt wurden und ich könnte freien Menschen helfen, selbst wenn ich damit indirekt dem UEE helfen würde. Und es ging nicht nur um unbekannte Menschen. Alaska, Pike und Husky waren in Levski. Brubacker lag in der Klinik. Vermutlich hatte er sich mit Molina infiziert. Das erklärte zwar nicht sein seltsames Verhalten beim Wiedersehen, trotzdem hatte er so eine Erkrankung nicht verdient. Niemand hatte das.

“Du hast Recht, Rebekka. Ich muss kein Freund des UEE werden, aber eine neue Balance zwischen totaler Ablehnung und bedingungsloser Unterstützung des UEE finden.”

Rebekka sah mich eindringlich an und nahm meine Hand. Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete tief durch.

“OK, dann los. Transportflüge um Levski aus der Krise zu helfen, selbst wenn die unter UEE Flagge laufen.”

Brubacker’s unglaubwürdige Erklärungen mussten warten.