Zurück aus der Wüste brach ich zu einer unbekannten Reise auf.
Nach einer längeren Zeit zurückgezogen tief in der Wüste kehrte ich nach Sunset Mesa zurück. Ich half den dort ansässigen Siedlern bei Reparaturen und Versorgungsflügen. Leitungen mussten geflickt und Sicherungen getauscht werden. Der Wüstenplanet Monox war gnadenlos. Der Sand knabberte wie ein hungriges Nagetier an allem.

Eines Abends traf ich mich mit Gerald im Gemeinschaftshaus. Wir saßen in einer Sitzgruppe vor dem Kamin. Das Feuer knisterte, der Geruch von brennendem Holz lag in der Luft. Ich öffnete mir eine Dose Rust. Der Drehverschluss quietschte. Dann fiel ich tief in die Sitzpolster und legte die Füße auf den niedrigen Tisch. Gerald tat es mir gleich.
“Zero, ich hatte noch keine Gelegenheit dich zu fragen, wie dein Trip in die Wüste war.”
“Entspannt. Es war eine Reise in die Vergangenheit und zu mir selbst. Ich fand meine Mitte, verlassene Siedlungen und tolle Orte, an denen ich mir vorstellen könnte, eine Hütte zu bauen.”
“Willst du dich niederlassen?”
“Das ist nicht mein Weg. Ich habe noch zu viel Unruhe in mir.”
“Verstehe ich. Ich kann auch nicht sesshaft sein.”
Ein Stück Holz fiel im Feuer um. Funken stieben in die Höhe. Gerald machte eine Denkpause. Dann fuhr er fort.
“Und wie war die Clipper?”
“Das Raumschiff ist ein zuverlässiges Heim gewesen. Die Krankenstation an Bord war auch hilfreich. Hatte bei der ehrenvollen Jagd nach Valakkaren etwas abbekommen.”
“Du hast Valakkare gefunden?”
“Ja, südlich von Sunset Mesa. Nach den Bergen beginnt eine Sandwüste. Dort waren jede Menge.”
Ich setzte die Dose Rust an die Lippen. Der Alkohol brannte in meiner Kehle. Ich musste husten.
“Sag mal Gerald, einige Siedler bauen doch unter schwierigen Umständen die Pingala Pflanze an. Ich habe Wildwachsende gefunden.”
“Wo?”
“Beim Nordpol von Monox.”
“Merk dir den Ort. Könnte irgendwann hilfreich sein.”
“Und dann hab ich noch Edelsteine gefunden und abgebaut. Jetzt brauch ich nur noch jemanden, der sie kauft.”
“In Pyro wirst du niemanden finden. Da musst du schon nach Stanton.”
Ich brummte nachdenklich. “Und die Komponenten aus dem gestrandeten Schiff, die ich geborgen habe, willst du wirklich nicht kaufen?”
“Nein. Aber du kannst sie auf dem Schrottplatz entsorgen.”
“Na gut, dann werde ich wohl wirklich nach Stanton aufbrechen müssen.”
“Wenn du das tust, könntest du mir eine Gefallen erweisen. Wir haben gerade etwas Personalmangel bei der Rust Society. Es gibt da eine Lieferung, die nach Stanton müsste – der Abholort ist nicht ganz ungefährlich. Aber du bekommst ein unauffälliges Schiff von uns für die Abholung.”
*
Am nächsten Tag betrat ich einen Hangar auf der Raumstation Patch City, um das unauffällige Schiff entgegenzunehmen. Es war schwer zu erkennen, was da im Halbdunkel stand. Die Form war ungewöhnlich, untypisch für ein Raumschiff. Ich kniff die Augen zusammen und ging näher. Es sah aus wie ein großer Raubvogel. Im schwachen Licht der Scheinwerfer glänzte ein geschwungener Rücken, der sich auf zwei Schwingen abstützte. Fasziniert blieb ich stehen – nein, das konnte nicht sein. Vor mir stand eine Esperia Prowler Utility, der Nachbau des Frachtschiffs der Tevarin. Von außen betrachtet war es alles andere als unauffällig.
Ich ging an Bord und betrat einen rot beleuchteten Innenraum. Er war spartanisch, funktional – keine Küche, kein Bett – die Handschrift der außerirdischen Tevarin deutlich zu erkennen. Das Schiff hatte nur eine Aufgabe – Fracht und kleine Truppen in das Kampfgebiet zu bringen. Es gab keine Fenster, nicht einmal im Cockpit. Ich nahm im Pilotensitz Platz und startete die Systeme. Vor mir entfaltete sich mosaikartig die Sicht nach außen. Der Blick auf die Instrumente offenbarte die wahre Unauffälligkeit. Die Prowler war ein Stealth Schiff. Meine White Rabbit hatte ich auch mit Stealth Komponenten ausgestattet, aber mit diesem Schiff konnte sie nicht mithalten. Die Prowler war nahezu unsichtbar – erst wenn sie wenige Kilometer heran war, konnten sie von Sensoren erfasst werden.
Mit Getöse öffneten sich die Hangartore. Zusammen mit dem unauffälligen Raubvogel verließ ich die Raumstation.

Nach einem längeren Flug quer durch das Pyro-System verließ ich den Quantum-Tunnel und fand mich inmitten von Asteroiden wieder. Rechts sah ich den düsteren, grauen Planeten Terminus und vor mir die Raumstation Ruin Station. Wie ein bedrohliches Mahnmal der Gewalt schwebte sie im Asteroidengürtel.
Die Ruin Station hatte immer wieder wechselnde Besitzer gehabt und es kam regelmäßig zu Kämpfen, auch auf der Raumstation. Zurzeit kontrollierte die Rough&Ready-Gang die Station. Es war ein gutes Gefühl, mich unbemerkt nähern zu können. Nachdem ich sicher war, dass von außen keine Gefahr drohte, landete ich in einem Hangar.
Die Tür des Fahrstuhls vom Hangar quietschte erbärmlich, als sie zögerlich aufging. Ich trat einen Schritt in die Station und schaute mich um. In großen Metallkisten brannten Feuer, überall lag Müll und Unrat. Ruin Station war genauso heruntergekommen wie alle Raumstationen im Pyro-System. Nachdem das Bergbauunternehmen Pyrotechnic Amalgamated das Pyro-System verlassen hatte, wurden die Raumstationen von Gangs übernommen. In die Wartung wurde seitdem nicht mehr investiert.
Über eine verschmutzte Treppe gelangte ich zum Eingang des Hauptbereichs der Station. Eine gigantische Gatling-Kanone dominierte den Durchgang. Davor war an einem Metallträger der Körper einer Frau gekettet. Sie trug kaum Kleidung.

“Was beim Propheten ….”, sagte ich beim Anblick und erstarrte. Ich hatte in letzter Zeit viel Leid gesehen, aber das …
Dann hörte ich Schritte neben mir. Eine Wache trat neben mich.
“Das ist Amelia Boyd. Endlich wurde sie kalt gemacht.”
Amelia Boyd war die Anführerin der Frontier Fighters, die alles und jeden angegriffen hatten. Unter dem Namen Slicers brachten sie auch Chaos und Gewalt ins Stanton System. Die Siedler auf Monox, bei denen ich eine Zeit lang gelebt hatte, waren auch Ziel der sinnlosen Angriffe gewesen.
Die Bewohner von Pyro hatten das Problem mit den Frontier Fighters auf ihre Weise gelöst. Brubacker hätte das verwerflich gefunden. Ich maßte mir nicht an, darüber zu urteilen. Pyro war anders, es war nicht Teil des UEE, es war gesetzlos – es herrschten die Regeln der Gangs.
“Hmmmm”, brummte ich in Richtung der Wache und ging zum Markt von Ruin Station.
Entschlossen tauchte ich in das Getümmel ein. Verkäufer priesen lautstark ihre Waren an. Schiefe Leuchtreklamen flackerten über notdürftigen Ständen. Es roch nach Schweiß, Fett und verbrannten Ratten, die über Feuerstellen gegrillt wurden. Hier sollte ich meinen Kontakt treffen. Noch hatte ich keine Ahnung, welche Lieferung ich wo abholen sollte.