Überraschende Funde und Hilfen beim Salvage.
Die Schatten von Molina Mold reichten weiter als jede ihrer Sporen. Eine Reclaimer-Crew der People’s Alliance war wegen der Epidemie ausgefallen, und man fragte mich, ob ich einspringen konnte. Salvage war ein Weg der Rust Society — einer meiner Wege — und nach den letzten Ermittlungen eine willkommene Abwechslung.
Einst hatte ich auf einer Reclaimer gearbeitet, ich kannte mich an Bord aus. Trotzdem war es ein seltsam bedrückendes Gefühl, tagelang alleine durch die Gänge zu laufen. Rost und alte Spuren erzählten Geschichten vergangener Einsätze. Tragödien gestrandeter Schiffe, Wracks, deren Geister an Bord weiterzuleben schienen.
Ich hörte Klagelieder in den Wänden, den dumpfen Hall meiner Schritte auf dem Weg ins Cockpit. Nur noch ein Deck nach unten. Ein kreischender Laut begleitete die Fahrstuhlfahrt. Etwas Öl würde dem alten Gerippe wirklich gut tun. Träge fiel ich in den Pilotenstuhl.
Die Sensoren zeigten eine Corsair in einigen Kilometern Entfernung. Geringe Energiesignatur, bewegungslos. Der Scanner tastete das Schiff ab – Verlassen, Military Grade A Komponenten verbaut. Ein Besuch lohnte sich, also raus in den EVA.
Das Schott der Luftschleuse glitt zur Seite und gab den Blick frei auf Asteroiden und das unendliche Blau des Nyx-Systems. Ich drückte mich von der Kante ab und schwebte hinaus. Schwerelos näherte ich mich dem Heck der Corsair.
Nach einigen Anstrengungen öffnete sich endlich die Heckrampe. Mein Atem stockte. Ungläubig glitt ich in den Frachtraum. Das war nicht möglich. Ich lief ans andere Ende und betrachtete meinen Fund. Komponenten, jede Menge Komponenten. Größen eins, zwei und drei. Military und Stealth. Grade A und B. Jackpot. Die Wüste nimmt, die Wüste gibt.

Ich durchsuchte die Corsair, Crew Bereich, Brücke, Maschinenraum. Im Waffenschrank verrostete P6 Scharfschützengewehre, in den Schränken zwei schwere Rüstungen. Alt, rostig mit einem Schlangensymbol. Was war das für ein Schiff? Und wo war die Crew? Egal – Du kannst behalten, was du findest. Die Regeln der Wüste waren eindeutig. Auch das Weltall war eine Wüste.
Ich begann umzupacken. Eine mühsame Arbeit – es waren mehr Komponenten als auf den Frachtaufzug der Reclaimer passte. Eine Crew wäre hilfreich gewesen, doch ich war alleine. Immer wieder schaute ich sorgenvoll zum nahegelegenen Sprungpunkt. Würde die Crew zurückkommen? Oder andere Plünderer, die mir die Beute streitig machen würden?
Nach langen arbeitsreichen Minuten ein letzter Rundgang. Hatte ich alles? Es schien so. Ich drückte mich ab und schwebte zur Reclaimer. Auf halbem Weg ein bläulicher Blitz. Ich fuhr herum. Ein Strudel formte sich in den Tiefen des Alls. Das Wurmloch – es öffnete sich. Verflucht. Kam oder ging jemand? Mein Herz raste. Ich musste zurück an Bord, so schnell es ging.

Kaum in der Luftschleuse rannte ich los. Endlich, wieder im Pilotensitz, prüfte ich das Radar. Nichts, keine Kontakte. Ich entspannte. Zeit genug, die Hülle der Corsair abzuziehen und das Schiff zu zerlegen. Eine Stunde später war ich in Levski und brachte meine Beute in Sicherheit.
*
Am nächsten Morgen saß ich im Grand Barter Bazaar am „Wake Up“-Stand, als Pike auftauchte und sich zu mir setzte. Dann tauchte noch jemand auf.
“Schau mal Pike. Kennen wir den Typen nicht? Rote Rüstung, weiße Haare, weißer Bart.”
“Ja klar. Das ist Zwiebus. Der Kumpel von Alaska.”
“Hey Zwiebus. Komm setz dich zu uns”, rief ich.
Zwiebus setze sich neben Pike. Wir unterhielten uns über Alaska und die Hilfsaktionen für Levski. Dann fragte ich die beiden:
“Leute habt ihr Zeit? Ich soll für die People’s Alliance mit einer Reclaimer an den Sprung-Punkten aufräumen und könnte Hilfe gebrauchen.”
Beide stimmten zu. Wir gingen an Bord und machten uns auf den Weg. Nachdem wir mehrere Schiffe abgewrackt hatten, empfingen die Sensoren ein starkes Signal. Pike saß auf dem Co-Pilotensitz, Zwiebus hinter uns, an einem Salvage-Kontrollplatz.
“Ich hab was Größeres“, sagte ich und steuerte unseren trägen Pott auf das Signal zu.
Pike aktivierte den Scanner.
“Das ist eine Hermes. Verlassen. Keine Fracht. Trotzdem fette Beute.”
Nachdem die Reclaimer in Position war, fing Zwiebus an die Hülle abzutragen. Mehr und mehr füllte sich das Depot mit dem recycelten Hüllenmaterial.

Irgendwann schwebte vor uns ein nacktes Gerippe. Pike aktivierte den Zerlege-Arm. Das wabernde Energiefeld legte sich über die gerupfte Hermes. Die Energie-Generatoren wurden immer lauter. Nichts passierte.
“Mist”, knurrte Pike. “Die Systeme der Hermes sind noch aktiv. Jemand muss rüber und alles abschalten.”
“Zwiebus”, rief ich nach hinten. “Du hast doch noch einen Raumanzug an. Kannst Du das machen?”
“Ja mach ich”, kam die Antwort prompt. “Und Pike – Finger weg vom Kraftfeld, solange ich dort drüben bin.”
“In deinem roten Anzug bist Du nicht zu übersehen”, lachte Pike.
Zwiebus machte sich auf den Weg.
„Ich hol mir ein Rust. Willst du auch eins?“, fragte ich und ging in die Messe.
Als ich zurück war, stellte ich mich mit dem Rust hinter Pike und beobachtete die beiden bei der Arbeit. Zwiebus hatte Probleme beim Deaktivieren der Systeme. Pike gab Tipps über Funk. Ich öffnete den Schraubverschluss der Dose, sie quietschte. Ein genussvoller Schluck. Daran könnte ich mich gewöhnen.
Schließlich schwebte Zwiebus aus der Hermes heraus. Sofort leuchtete das Kraftfeld auf. Pike konnte es nicht abwarten. Grinsend nahm ich noch einen Schluck. Einige Sekunden später zerbrach die Hermes in mehrere Stücke. Nachdem alles eingesammelt war, machten wir uns auf den Rückweg.

Zurück in Levski ging Pike direkt ins Bett. Zwiebus und ich luden die Kisten mit dem recycelten Material aus der Reclaimer aus.
“Sag mal Zero, Du lebst doch auch schon länger auf Levski, oder? Vielleicht sind wir uns früher schon begegnet”, fragte Zwiebus.
“Mehr oder weniger. Früher hab ich hier mal gelebt und gearbeitet. Nach einer längeren Zeit in Stanton bin ich jetzt wieder zurück.”
“Und was hast Du damals in Levski gemacht?”
“Ich hab im Wartungsteam gearbeitet. Die Lüftungsanlage in Schuss gehalten.”
“Unten in den Katakomben? Da gab es vor einigen Jahren doch diesen Todesfall. Ein Mord. So eine Drogengeschichte, wenn ich mich recht erinnere.”
Ich erstarrte. Kylo. Meinte er den? Was wusste er? Und warum sprach er es an? Ich kannte Zwiebus kaum. Besser nichts über meine Verbindung zu Kylo oder meinen damaligen Schmuggel preisgeben. Zwiebus erzählte, er habe als Hilfssheriff gearbeitet und halte nichts von Drogen.
“Richtig und falsch ist eine Frage der Perspektive”, sagte ich zu ihm. “E’tam zum Beispiel. Für die Xi’an ist das ein Meditationsmittel. Willst Du etwa sagen, es ist falsch, was die Xi’an machen? Diese Bevormundung durch das UEE ist mir ein Dorn im Auge. Jeder sollte die Freiheit haben, selbst zu entscheiden.”
“Ich weiß nicht, ob du dir die Sache nicht ein bisschen zu einfach machst“, entgegnete Zwiebus. “Ich hab gesehen, was das Zeug anstellt. Deshalb bin ich froh, dass es verboten ist.”
“Damit sprichst du den Menschen ihre Entscheidungsfähigkeit ab“, hielt ich dagegen.
“Lassen wir das hier ruhen“, sagte Zwiebus schließlich. “Ich glaube, wir kommen da heute Abend nicht mehr auf einen Punkt. So, eine letzte Kiste noch, und dann mache ich auch gleich Feierabend.“
“Okay, Zwiebus. Dann grüß mir Pike“, verabschiedete ich ihn. “Ich werde euch den Erlös der Arbeit überweisen, sobald es geht.“
Zwiebus verließ den Hangar. Nachdenklich sah ich ihm nach. Ein netter Kerl, überzeugt von der People’s Alliance, kein Freund des UEE. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob ich mich ihm öffnen konnte.