Nach Jahren kehrte ich zurück nach Levski. Vieles hatte sich verändert, aber nicht alles.
Mein Handgelenk vibrierte. Ich drehte mich um und zog die rote Bettdecke über die Schulter. Noch ein Vibrieren – Mist. Langsam öffnete ich die Augen. Dämmerlicht füllte das Zimmer, vor dem Fenster ruhte die in grau gehüllte Wüste des Planeten Monox. Durch die Tür drangen gedämpfte Stimmen. Auf meinem Mobiglas blinkte eine Nachricht von Pike.
Ich habe mir die Liste der Flüchtigen mal genauer angesehen. Einige sind schon länger zur Fahndung ausgeschrieben. Da diese Flucht ja scheinbar von Levski aus organisiert wird, finde ich hier im Netzwerk von Lorville gar nichts darüber…. Wenn Merrick tatsächlich in Levski ist weiß er mit Sicherheit mehr darüber, da verwette ich meine Rüstung! Allerdings erreiche ich ihn nicht. Ihr wart doch beide schon mal dort… so groß kann doch diese Bergbaueinrichtung nicht sein, oder? Habt ihr eine Möglichkeit, dort eine Nachricht in Umlauf zu bringen?
‘Filter an Gatekeeper, die Automaten in Gate 3 sind noch immer leer und die Blecheimer haben uns vergessen!’
Wir hatten die Liste mit den Namen der Personen, die aus Lorville flüchten wollten, in der Datenbank der Hurston Security gefunden. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen. Wenn der kontrollierende Griff der Unterdrückung zu fest wurde, suchten viele nach einer neuen Heimat. Das Nyx-System war unabhängig von einer übermächtigen Obrigkeit. Nyx war die Heimat von Levski, einer Siedlung, die auf dem Glauben an die Gleichheit aller fühlenden Wesen gegründet wurde und ein Leuchtfeuer der Hoffnung für all jene war, die sich nach Freiheit sehnten.
Meine Antwort sendete ich umgehend.
Ich kann die Nachricht nach Levski bringen, hab ja einen Data Runner. Und aus meiner Zeit in Levski kenne ich noch Leute – die kann ich kontaktieren.
Träge schwang ich mich aus dem Bett. Kaum berührten meine Füße den Boden, durchzuckte mich ein Schmerz – ich war auf eine leere Rust-Dose getreten. Sie musste noch von der gestrigen Aufnahmefeier der Rust Society stammen. Fluchend stand ich auf und ging durch die Tür.
Im Gemeinschaftsraum unterhielten sich Leute am Frühstückstisch, die ich nicht kannte.
“Was macht diesen Ort anders?”, fragte ein junges Mädchen.
Ein älterer Mann mit grauen Haaren und von Erlebnissen gezeichnetem Gesicht antwortete.
“Dieser Ort wurde anders erschaffen. Wir haben das gebaut. Menschen mit einem Traum. Ja…ein Traum – einfach frei zu leben. Weißt Du, niemand bekommt so ein Leben geschenkt. Wir haben es erarbeitet, wir haben dafür gekämpft. Menschen mit dem Willen, nach Freiheit zu streben und sie nicht loszulassen. Das meine ich, wenn ich sage, dass dieser Ort erschaffen wurde. Ich meine nicht die Gebäude oder Felsen. Es ist nicht perfekt. Es ist nicht einmal schön, aber es ist echt. Es ist Freiheit und es gehört uns.”
Die Worte des Mannes bewegten mich sehr. Ich trat an den Tisch und sagte.
“Gemeinschaft, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit macht diesen Ort aus.”
“Du kannst es auch spüren, richtig?”, fragte der Mann.
“Oh ja.”
“Und Du scheinst Levski zu kennen.”
“Ja, ich habe einst dort gelebt – vor langer Zeit.”
“Und jetzt bist Du in Pyro gelandet?”
“Ja, ich habe hier in der Wüste meinen Frieden gefunden.”
Der Mann legte die Stirn in Falten. “Ist das so? Frieden und Pyro scheinen mir nicht zusammenzupassen.”
Ich deutete mit der Hand zum Fenster. “Draußen in der Einsamkeit der Wüste schon. Ansonsten besteht in der Tat eine ständige Bedrohungslage. Und ihr seid auf der Durchreise nach Nyx?”
„Ja, das sind wir.”
“Ich werde auch bald aufbrechen. Gibt es etwas, das ich mitbringen kann?”
“Vor allem frische Lebensmittel. Aber auch Cobalt und Atlasium.”
*
Einen Tag später spuckte das Pyro Wurmloch die White Rabbit mit wertvoller Fracht im Nyx-System aus. Türkisfarbene Nebel umhüllten das Schiff, der Zentralstern war nur schemenhaft zu erkennen – ein scharfer Kontrast zum düsteren Braun von Pyro. Ich setzte Kurs auf Levski und aktivierte den Quantum‑Antrieb.
In der Ferne glühte ein roter Nebel: das Virgil‑System, Vanduul‑Territorium. Von dort kamen die Echsenwesen für ihre Raubzüge nach Nyx. Vor mir wuchs ein schmaler grauweißer Streifen zu einem breiten Band heran – der Glaciem‑Ring, ein dichter Asteroidengürtel, der den Stern umschloss. Dann fiel ich aus dem Quantum‑Flug und war mittendrin. Bläuliches Licht, endlose Staubbänder die sich in der Ferne vereinten, Asteroiden in allen Größen – ein chaotisches Mosaik. Und direkt vor mir der größte Broken: Delamar. Darauf befand sich die alte Bergbaustation Levski – Heimat der People’s Alliance. Eine Gänsehaut überzog meinen Körper – das Gefühl war unbeschreiblich. Jahre war es her, dass ich hier gewesen war.

Langsam näherte sich die White Rabbit dem Asteroiden. Doch Delamar wirkte kantiger als früher. Große Gesteinsbrocken schwebten daneben, als hätten sie sich gelöst. Dann tauchten die ersten Konstruktionen auf: Schornsteine mit lodernden Flammen, Metallgerüste, Rohre, Gebäude – und schließlich das Bohrloch. Es war nun so tief, dass es den Asteroiden vollständig durchstieß. Schiffe kamen aus seinen Tiefen, seitlich lagen runde Hangartore. Eines davon wurde mir zugewiesen. Beim Anflug glitt ich am Schriftzug ‘HOPE IS HERE’ vorbei. In meinem tiefsten Inneren stimmte ich zu – genau hier, an diesem einzigartigen Ort. Ein Versprechen an alle, die vor Unterdrückung geflohen waren.

Im Hangar hing ein großes Banner: ‘Welcome to Levski’. Angefasst blieb ich stehen – es war ein erhabenes Gefühl, wieder hier zu sein. Nach einem problemlosen Zollgang stand ich ehrfürchtig vor dem Mahnmal für Anthony Tanaka – ein Arbeiter, der ein totes Kind im Arm hielt. Der Junge war 2757 von einem Advocacy-Agenten getötet worden, weil er nach einer 16-stündigen Schicht nicht weiterarbeiten wollte. Das Denkmal erinnerte an die Gräueltaten des Messer-Regimes und unterstrich das Streben der People’s Alliance nach Freiheit. Ich kniete nieder und legte andächtig einen Teddybären zwischen die Kerzen am Sockel.

Der Grand Barter Basar war der beste Ort, um Informationen zu bekommen und Nachrichten zu verbreiten. Ein wildes Getümmel provisorischer Marktstände, voller Leben, Stimmen und Gerüche. Ich stürzte mich hinein in das pulsierende Herz von Levski. An einem Stand fiel mir ein Artikel einer lokalen Zeitung auf: bemerkenswerte Fortschritte beim Terraforming von Nyx I – und die Frage, ob der Planet ein neues Zuhause für die People’s Alliance werden könnte. In der Terra Gazette wurde ein anderes Bild gezeichnet: Das UEE könnte Nyx wegen des Terraformings für sich beanspruchen. Der am Horizont aufsteigende Konflikt zeichnete sich deutlich ab.

Es dauerte nicht lange, bis ich alte Bekannte traf. Wir verabredeten uns abends im Café Müsain.
*
Wir flätzten gemütlich zwischen Kissen auf einer Couchgarnitur in einer Ecke des Cafés. Der Bass der Musik wummerte durch den Raum. Arid und Hanna trugen noch ihre Arbeitskleidung, Rebekka war in Freizeitklamotten. Wir sprachen über alte Zeiten, als ich im Wartungsteam von Levski gearbeitet hatte. Dann lenkte ich das Gespräch auf die Gegenwart – und löste sofort eine hitzige Diskussion aus.
“Sagt mal, Levski hat sich ganz schön verändert. Ist das ein Zeichen des Fortschritts?“
“Von wegen Fortschritt”, schnaubte Arid. “Wir verkaufen unsere Seele.”
“So schlimm ist es nicht”, widersprach Hanna. “Levski ist ein interstellarer Umschlagplatz geworden. Es ist erwachsen geworden.”
Ein Streitgespräch entbrannte, dem ich interessiert zuhörte.
“Ja genau, um das Synthworld-Projekt zu nähren und als Zwischenstopp auf dem Castra-Stanton-Run. Jede Menge Credits laufen hier durch. Ein Magnet für gierige Investoren und andere Piraten.”
“Piraten machen mir keine Sorgen. Vielmehr die Vanduul.”
“Ach was. Überfälle der Vanduul hatten wir schon immer und sind damit zurechtgekommen. Das UEE ist die größere Bedrohung.”
“Nein, wir brauchen das UEE, um Nyx sicher zu machen.”
“Auf keinen Fall. Denk an die Worte vom Ausschussmitglied Thoreau Basque: ‘Wenn unsere Ideale angesichts tödlicher Gefahr nicht standhaft bleiben können, was sind sie dann wert?’”
“Wieviele Tote willst Du noch? Denk an die Albertson Familie, die umgebracht wurde.”
“Du bist doch ein UEE-Spion. Ist doch der einzige Grund, warum jemand wie du nach Nyx gekommen ist.”

Rebekka hob die Hände und ging dazwischen. “Auf jeden Fall können wir festhalten, dass Nyx eine Grenze ist – eine Pufferzone zwischen Vanduul und UEE. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass das UEE Nyx als interstellaren Knotenpunkt braucht.”
“Und brauchen die People’s Alliance das UEE?”, fragte ich.
“Du hörst es ja”, antwortete Rebekka. “Manche sagen nein, andere sagen ja.”
Arid beugte sich vor. “Ich habe gehört, dass es geheime Gespräche über UEE‑Patrouillen gibt. Das darf nicht passieren. Wir dürfen sie nicht nach Nyx lassen.”
“Sieht so aus, als ob die People’s Alliance eine doppelte Bedrohung hat”, analysierte ich. “Auf der einen Seite die Vanduul, auf der anderen das UEE.”
“Genau! Und deshalb müssen wir uns wehren. Wir müssen kämpfen!”, sagte Arid vehement.
“Am besten gewinnt man einen Kampf ohne zu kämpfen”, erwiderte ich.
Rebekka nickte. “Einige wollen beweisen, dass wir es selbst können. Nyx sauber halten – aufgegebene Schiffe an den Sprungpunkten abwracken, Bergbau vorantreiben, seltene Erze abbauen, das UEE und Stanton versorgen. Dann muss das UEE nicht investieren. QV Planet Services hat den Bergbau aufgegeben, war nicht rentabel. Und die Route durch Pyro fliegt kaum jemand – zu gefährlich. Wenn wir zeigen, dass wir es können, ohne UEE‑Schutz, wäre das ein starkes Zeichen.”
“Da könnte ich helfen. Ich bin jetzt in der Rust Society. Gefährliche Routen sind unser Ding”, sagte ich lachend. “Außerdem kann ich Informationen besorgen – ich hab da so Wege und Mittel. Salvage und Bergbau kann ich auch anbieten. Allerdings ist mein Equipment in Stanton.”
Ich dachte an die Worte des Mannes, den ich auf Monox beim Frühstück getroffen hatte. “Niemand bekommt so ein Leben geschenkt. Wir haben es erarbeitet, wir haben dafür gekämpft. Menschen mit dem Willen, nach Freiheit zu streben und sie nicht loszulassen.”
Nyx – die Grenze zwischen den großen Mächten Vanduul und UEE – das Leuchtfeuer für Freiheit – ich hatte den unbedingten Willen, diese Freiheit nicht loszulassen. Dann schlug ich vor.
“Das wäre doch ein erster Schritt. Ich transportiere Waren zwischen Nyx und Stanton.”
“Das wäre großartig”, sagte Rebekka und lächelte.
“Dann ist das mein Weg. Aber könnt ihr auch was für mich tun? Ich hab da eine Nachricht, die in Umlauf gebracht werden muss.”