Eine Lieferung von einem gefährlichen Ort brachte mich in das Stanton-System. Dort fand ich unerwartetes.
Terminus – der äußerste Planet von Pyro. Düster, kalt, grau – ein unwirklicher Ort. Hier sollte ich im Auftrag der Rust Society eine Lieferung abholen und ins Stanton-System bringen. Ausgerechnet in der Siedlung Canard View. Nicht nur das Klima machte sie gefährlich, sondern auch die wertvolle Ware: Diamond Laminate. Überfälle waren hier Alltag.
Mit der Prowler Utility hielt ich Abstand und scannte die Umgebung. Eigentlich ein Job ohne großes Risiko: rein, Ware laden, raus. Nicht mein Schiff, nicht meine Fracht. Aber da war dieser Gedanke in meinem Kopf: Diamond Laminate kaufen und auf Monox teuer verkaufen. Es war verlockend – aber riskant.
Die Sensoren zeigten nichts an. Ich drückte den Schubhebel nach vorne und wurde in den Sitz gepresst. Die grauen Gebäude von Canard View tauchten auf. Ruppig landete die Prowler direkt neben dem Handelsgebäude, etwas abseits vom Frachtaufzug.
Kaum waren die Triebwerke verstummt, erschien plötzlich ein Punkt auf dem Radar. Ein kalter Schauer fuhr durch meinen Körper, die Härchen stellten sich auf. Ich scannte das fremde Schiff – eine Crusader C1, die am anderen Ende der Siedlung landete. Wer war das? Kurier – Händler – Pirat? Falls es ein Händler war, musste ich mich beeilen. Die Vorräte an Diamond Laminate waren knapp.
Auf einen Schlag waren alle Bedenken weggefegt. Ich wollte nur noch eines: den gesamten Lagerbestand Diamond Laminate sichern. Ohne weiter auf Sicherheit zu achten, sprang ich aus meinem Raumschiff und rannte zum Handelsgebäude. Flüchtig schaute ich mich um, als ich in die Halle stürmte. Am Handels-Terminal wickelte ich das Geschäft ab. Was hinter meinem Rücken und in den Ecken der Halle vor sich ging, bekam ich nicht mit.
Das Terminal reagierte quälend langsam. Nervös tippte ich mit dem Fuß. Dann endlich die Bestätigung des Kaufs. So schnell ich hineinrannte, rannte ich wieder hinaus. Erst als ich beim Frachtaufzug war verschnaufte ich kurz. Schwer dröhnte mein Atem im Helm. Von der erhöhten Position hatte ich einen guten Blick auf die Siedlung. Nichts rührte sich.

Plötzlich tauchte eine Argo Raft auf und landete neben der C1. Noch ein Frachtschiff. Wenigstens griffen die Piloten nicht an, aber welche Absichten hatten sie? Und wo steckten sie? Wenn sie erkannten, dass Diamond Laminate ausverkauft war, würden sie dann versuchen, meines zu klauen? Meine Anspannung stieg.
Nervös beobachtete ich die Siedlung. Alles blieb ruhig. Wo verdammt nochmal waren die Piloten der beiden Raumschiffe? Ein Blick auf die Anzeige meines Raumanzugs zeigte ein weiteres Problem. Lange konnte ich nicht mehr in der Kälte bleiben. Ich musste handeln.
Rumpelnd und quietschend brachte der Frachtaufzug die Lieferung und mein Diamond Laminate nach oben. Die Kisten lagen ungesichert auf der Plattform. Jetzt musste es schnell gehen. Wer zuerst kam, konnte sich die Waren nehmen.
Rutschend stolperte ich den Abhang hinunter zur Prowler. Mein Blick ging immer wieder zur Siedlung. Kaum in der Prowler, startete ich die Triebwerke und schwebte über den Frachtaufzug. Hektisch öffnete ich den Frachtbereich und aktivierte den Traktorstrahl. Der blaue Strahl transportierte die erste Kiste in die Prowler. Dann die zweite, die dritte. Immer wieder prüfte ich die Umgebung. Eine Kiste nach der anderen verschwand im Bauch der Prowler.
Als die letzte Kiste verstaut war, gab ich maximalen Schub und schloss die Frachtklappen im Steigflug. Erst im Quantum-Tunnel sank ich erschöpft in den Pilotensitz.
Minuten später erreichte ich die Raumstation Patch City. In der Sicherheit eines Hangars lud ich die Lieferung in meine White Rabbit um, das Diamond Laminate lagerte ich ein. Mein Blick schweifte durch den Frachtraum der Star Runner: ein chaotischer Gemischtwarenladen aus Kisten, Schiffswaffen und Komponenten, die ich auf Monox geborgen hatte. Im abgeschirmten Frachtraum lagen mehrere Kisten Drogen aus gestrandeten Schiffen. Alles sollte nach Stanton – wenn ich es heil dorthin schaffte. Auf der Pyro-Seite lauerten Piraten, auf der Stanton-Seite drohten Kontrollen.

Unbehelligt verließ ich mit der White Rabbit Patch City und steuerte den Sprungpunkt nach Stanton an. Dort deaktivierte ich alle unnötigen Systeme, um die Energiesignatur der Star Runner zu minimieren. Wie ein Geist glitt sie zwischen den Asteroiden zum Wurmloch. Es war geschlossen.
Und jetzt? Eigentlich war es kein Problem. Ich musste nur auf das Wurmloch zufliegen, den Sprungantrieb kalibrieren und es öffnen. Doch genau diesen Moment fürchtete ich. Es dauerte einige Zeit – Zeit, in der man schutzlos war.
Ich manövrierte die White Rabbit hinter einen Asteroiden und wartete. Das Radar zeigte nichts an, trotzdem konnten hinter jedem Asteroiden Piraten lauern. Angestrengt schaute ich in die braunen Gaswolken und beobachtete die Asteroiden. Die Stille war bedrückend.
Nach langen Minuten flog ein Frachter das Wurmloch an. Es öffnete sich. Die helle Energie wirbelte wie ein Strudel. Blitze zuckten. Der Frachter tauchte ein und verschwand. Darauf hatte ich gewartet. Ich gab maximalen Schub und schoss auf die Öffnung zu. Viel Zeit blieb mir nicht, das Wurmloch konnte sich jederzeit wieder schließen. Asteroiden und Überreste alter Raumstationen rasten an der Cockpitscheibe vorbei. Noch wenige Kilometer. Ich hielt den Atem an. Dann verschluckte der Tunnel in das Stanton-System die White Rabbit.
*
Tage später lief ich durch das nächtliche, von schrillen Leuchtreklamen überflutete Area 18 auf dem Planeten ArcCorp. Die Lieferung hatte ich erfolgreich an ihren Bestimmungsort gebracht. Die Drogen konnte ich immerhin verkaufen. Aber niemand wollte die Schiffswaffen und Komponenten haben. Nicht einmal Cousin Crows, die Werkstatt auf Crusader, die für ausgefallene Tunings bekannt war. Es war frustrierend.

Ich stand auf einer Brücke und schaute auf das Gebäude, in dem die Redaktion ‘Off the Record’ von Brubacker war. Ein Shuttle flog über meinen Kopf. Menschen liefen umher. Alles ging seinen gewohnten Gang – und trotzdem war alles anders. Den Lärm der Stadt nahm ich nur dumpf wahr. Ich war nach Area 18 gekommen, um Brubacker zu besuchen, doch an seiner Tür klebte ein Zettel.
Die “Off the Record”-Redaktion ist dauerhaft geschlossen.
Danke für Ihr Interesse.
John Brubacker, Chefred.
Keine Spur von Brubacker. An einem Essensstand lag die letzte Ausgabe seiner Zeitung. Darin schrieb Brubacker über die Skandale und Gewalt in Stanton, aber kein Wort über die ASD und die geheimen Forschungen von Dr. Jorrit in den Onyx-Einrichtungen, die wir aufgedeckt hatten. Er hatte die Machenschaften nicht öffentlich gemacht – warum?

Noch mehr Frust machte sich in mir breit. Wozu hatten wir uns in Gefahr begeben? Die Hockrow Agency hatte unsere Ermittlungsergebnisse, aber die Öffentlichkeit erfuhr nichts davon. Wurde wieder alles unter den Tisch gekehrt? Hauptsache die Großkonzerne und das UEE behielten ihre Macht? Und Brubacker? Ich hatte den Eindruck, dass er in seinem Artikel die Position des UEE vertrat. Er schrieb, dass das UEE und der Senat das Beste sei, was wir hatten. Ich sah das anders.
Ich brauchte dringend etwas, um meinen Frust runterzuspülen. Das Deadlight hatte zu, auf die vielen Menschen in der G-Loc Bar hatte ich keine Lust. Nachdem ich eine Weile durch die Häuserschluchten gewandert war, blieb ich an einer Bierbar in einer Gasse hängen.
Schweigend saß ich an einem Tisch und starrte auf die Leitungen an der Wand vor mir. Die Leuchtreklame ‘Beer on Tap’ flackerte. Plötzlich setzte sich jemand neben mich und sprach mich an.
“Hast du das in der Terra Gazette gelesen? Die haben eine Durchbruch bei der Echtzeitkommunikation über Systemgrenzen hinweg erreicht. Bald kann ich mit meiner Familie in Terra Live sprechen. Ist das nicht toll?”
„Ja, ganz toll”, antwortete ich genervt.
“Warte, ich schicke dir den Artikel auf dein Mobiglas.”
Der Typ tippte auf seinem Mobi herum, dann piepste meines. Ich öffnete den Artikel.
Neben dem Artikel über den wissenschaftlichen Durchbruch war ein weiterer mit einem Bild einer Frau. Das Gesicht kam mir bekannt vor. Es war Amelia Boyd, die Anführerin der Frontier Fighters. Dort stand, sie sei von den Headhunters gefangen genommen und brutal hingerichtet worden. Ich hatte ihre Leiche auf der Ruin Station im Pyro-System gesehen.
Und dann war da rechts unten ein kleiner unscheinbarer Artikel.
Senat diskutiert mögliche Neubewertung von Nyx
Könnte die UEE angesichts der laufenden Terraformung von Nyx I ihren Kurs umkehren und das System schließlich für sich beanspruchen?
Wut stieg in mir auf. Nyx war losgelöst und unabhängig von einer übermächtigen Obrigkeit. Es war ein Zufluchtsort für freiheitsliebende Menschen. Die dort ansässige ‘Peoples Alliance’ bot ein alternatives Leben, unabhängig vom UEE. Wollte das UEE seine korrupten Finger danach ausstrecken? Die freien Völker waren in Gefahr. War es für mich an der Zeit, nach Nyx zurückzukehren, um für die Freiheit zu kämpfen?
