Unsere Ermittlungen führten uns in ein Horrorkabinett.
Die Menschheit ist mehr als diese engstirnigen Kleingeister, die mich aufhalten wollen, sehen. …. Sie werden mich nicht stoppen. …. Hyperion wird in Onyx weiterleben.
Die Notiz von Dr. Jorrit, die wir im Lazarus-Komplex extrahiert hatten, bekam angesichts der Nachricht, die ich von der Hockrow Agency erhalten hatte, ein ganz neues Gewicht.
“Eure Nachforschungen rund um Onyx haben sich ausgezahlt. Ich konnte bestätigen, dass Jorrit ein inoffizielles Labor im Bereich Site-B der Einrichtung betreibt, um ein Experiment namens ‚Projekt Hyperion‘ durchzuführen. Ich werde seine Laboraufzeichnungen an euer mobiGlas-Journal senden, sobald ihr unterwegs seid, aber kurz gesagt: Der Mistkerl versucht, die Menschen weiterzuentwickeln oder so ein Unsinn.
Leitender Ermittler – Arken Mallor“
Das war die Bestätigung. Dr. Jorrit führte unter dem Vorwand, etwas gegen die Regenerationskrise zu unternehmen, geheime Forschungen durch. Ich musste an das Projekt ENOS denken. Dort hatte man versucht, Menschen mithilfe von Bio-Bots zu verbessern. Jorrit nutzte hingegen Vanduul-Technologie. ENOS – Hyperion – Warum taten die Menschen das? Ging es um Macht? Bei ENOS definitiv, aber was trieb Jorrit an?
Jorrit verfolgte eigene Ziele, die nicht mit denen der ASD übereinstimmten. Wir hatten einen Deal mit der ASD. Sie würden die Anklage gegen uns fallen lassen, wenn wir die Machenschaften von Jorrit aufklären würden. Obwohl wir bei den bisherigen Ermittlungen an unsere Belastungsgrenzen gestoßen waren, machten wir uns erneut auf den Weg in die Onyx-Anlage. Wir mussten die Daten von Jorrits Experiment beschaffen. TYR war mit einer verstärkten Truppe dabei, um uns abzusichern.
Zunächst reaktivierten wir im Engineering-Flügel die Kühlung und stabilisierten den Reaktor. Dann machten wir uns über den Research-Flügel auf den Weg zum Bereich Site-B.
Wir kamen in Labore, in denen wir zuvor noch nicht ermittelt hatten. Im Tierlabor fanden wir ein Blutbad. Tote Angestellte in Blutlachen, ein übler Gestank. Niemand wusste, was hier gewütet hatte. Brubacker vermutete, dass ein Vanduul frei herumlief. Ein Albtraum, wenn dem so wäre.

Das Tierlabor glich einem Horrorkabinett. Tote Kopione und Valakaare auf Setziertischen. Ratten und Zungen von Quasiegrasern in Reagenzgläsern. Eier einer unbekannten Spezies. Eine Aufzeichnung von Jorrit erklärte, dass sie tief unten in der Anlage biologisches Material einer reptilienartigen Kreatur gefunden hatten. Was zum Teufel trieb Jorrit hier? Wir wussten, dass er mit Vanduul Bio-Flüssigkeit experimentierte. Führte er auch Experimente mit anderem biologischen Material durch? Offensichtlich. Nur zu welchem Zweck?
Über das Tierlabor erreichten wir das medizinische Labor. Kapseln, die wie Kryo- oder Rettungskapseln aussahen, säumten unseren Weg. Unsere Stiefel formten Fußabdrücke im Blut der toten Wissenschaftler. Wir waren aufs Äußerste angespannt. Bisher machten uns nicht nur Scavenger, sondern auch verstrahlte Kopione das Leben schwer. Zum Glück konnte TYR alle Gefahren von uns abhalten – bisher.
Plötzlich war der Schrei von Husky zu hören.
“Scheiße! Ein Verrückter! Er greift mich an!”
Ich wirbelte herum. Zwischen den Labortischen rannte ein Typ in einem Krankenhauskittel. Ich versuchte ihm den Weg abzuschneiden. Er bog ab und rannte direkt auf Pike zu. Zwei Schüsse dröhnten durch das Labor. Der Typ brach zusammen.
“Warum hast Du ihn erschossen?”, raunte Brubacker.
“Sorry, wollte ich nicht. Es ging alles so schnell.”
Der Tote sah entstellt aus. Er war ein Mensch, aber seine Haut war verändert. Sie hatte einige dunkle Stellen, die fast aussahen wie – Reptilienhaut? Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Trotzdem konnte ich meinen Blick nicht abwenden.
“Ich hab eine Aufzeichnung gefunden”, rief Husky.
Es handelte sich um ein Gespräch zwischen Jorrit und einer Person namens Sam. Sam sollte der Erste sein, dessen Bewusstsein mit einer Vanduul-Technologie in einen geklonten Körper übertragen werden sollte. Hatten wir gerade den Klon von Sam erschossen? War bei dem Klonvorgang etwas schief gegangen? Jorrit wollte Menschen weiterentwickeln – ich befürchtete, Sams Wandlung war kein Zufall.
Wir gingen weiter und erreichten den Site-B. Ein Lastenaufzug führte tief in eine Höhlenstruktur in die wir hinunterschauen konnten. Wir warteten oben, während der Voraustrupp von TYR nach unten fuhr. Schwere Gefechte hallten zu uns herauf. Mein Adrenalinspiegel stieg ins Unermessliche. Durch das Zielfernrohr konnte ich beobachten, wie TYR gegen eine ganze Armee kämpfte und langsam vorrückte. Dann kam das Go und wir fuhren ebenfalls hinunter.

Ein ganz mieses Gefühl beschlich mich, als ich einen der toten Gegner untersuchte.
“Leute, das sind keine Scavenger. Die sind zu gut ausgerüstet und alle tragen die gleiche Rüstung.”
„Vielleicht ist das die Privatarmee von Jorrit”, mutmaßte Brubacker. “Wer weiss, was er schützen will.”
“Das ist kein Labor”, stellte Alaska fest. “Das sieht viel mehr aus wie ein militärisches Lager.”
Alaska hatte recht. Es gab keine Reagenzgläser, keine Mikroskope und keine Labortische. Dafür Waffenschränke, Munitionskisten und Feldbetten. Was beim Propheten war das für eine Einrichtung?
Während wir langsam tiefer in die Anlage vordrangen, stießen wir immer wieder auf starken Widerstand. Irgendwann standen wir vor einer großen roten Tür. “Projekt Hyperion” stand darauf. Schilder warnten, dass es sich um ein Sperrgebiet handelte und der Zugang nur für Laborpersonal gestattet war.
“Die Tür ist mit einem Code gesichert”, sagte Brubacker.
“Hier im Sicherheitsraum steht ein Tagescode auf dem Monitor”, informierte Kjeld.
“OK, dann her damit.”
Brubacker stand alleine vor der Tür. Alle anderen hielten Abstand.
“Bist Du sicher Bru?”, fragte ich nervös.
“Nein, aber wir müssen hier durch.”
Er tippte den Code ein. Jeder Tastendruck ein Piepton. Dann Stille – für eine lange Sekunde – mit einem Schlag sprang die Tür auf. Nichts passierte. Brubacker stand wie angewurzelt vor dem Durchgang. Schließlich strömten die Kämpfer von TYR wie ein Tsunami durch die Tür.
Wir folgten und standen vor einer gepanzerten Glasscheibe, auf der anderen Seite war ein großer Raum mit einer seltsamen großen Apparatur. In der Mitte stand eine schräge Platte, auf der etwas drauf war. Wir sahen sie nur von hinten und konnten nicht erkennen, was es war.

“Was ist das?“
“Keine Ahnung, aber ich sehe einen offenen Kopf und Gehirn.”
Ungläubig starrte ich auf die Szenerie.
“Das ist ein Vanduul”, rief Husky. “Sein Schädel ist aufgesägt. Von hier kann man seitlich drauf schauen.”
Wir gingen zu Husky und tatsächlich – auf der Platte war ein Vanduul aufgespannt. Arme und Beine waren links und rechts fixiert, sein Brustkorb war geöffnet, Schläuche kamen aus ihm heraus.
“Du meine Güte”, sagte Alaska entsetzt. “der tut mir fast leid.”
“Mir nicht”, sagte ich bestimmt. „Ich hab mit den Vanduul kein Mitleid. In Nyx hab ich erlebt was die mit uns machen. Seid froh, dass der nicht frei rumläuft.”
“Los wir müssen da runter und alle Daten sammeln, die wir bekommen können.”
Nachdem TYR uns einen Weg frei geschossen hatte, erreichten wir einen dunklen Raum mit großen grün beleuchteten Glasbehältern. Darin seltsame Kreaturen in einer Flüssigkeit. Es waren Hybride. In einem Gefäß erkannten wir Fischflossen an einem seltsamen Körper mit menschlichen Händen. Ich stand zu sehr unter Adrenalin, um entsetzt zu sein. Vielleicht schockierte mich angesichts des bisher gesehenen auch nichts mehr.

“Das müssen die ersten Ergebnisse der Experimente von Jorrit sein. Er kreuzt verschiedene Spezies”, analysierte Alaska.
“Leute, das müsst ihr euch ansehen”, rief Raff.
Er hatte die Tür zu dem Raum gefunden, in dem der Vanduul aufgespannt war. Wie ein großes X hing er tot vor uns. Gekreuzigt im Namen der Wissenschaft.
“Das ist furchtbar”, sagte Alaska.
“Lieber der als wir”, antwortete ich.

Auf einem Monitor fanden wir Unterlagen des Experiments.
HYPOTHESE
Auch wenn die Menschheit das technologische Wunder der Erstellung von „Imprints“ angenommen hat, hat sie die wichtigste Lektion der Vanduul übersehen, von denen wir diese Technologie gestohlen haben: Rekombinante Evolution. Die Vanduul kombinieren frei Imprints und genetische Informationen ihrer besten Krieger, um die nächste Generation von Kämpfern zu erschaffen. Ich schlage vor, dass auch Menschen – mit einigen kleinen genetischen Anpassungen – durch die Modifikation von Imprints einen evolutionären Sprung machen könnten. Stell dir vor: Mit jedem neuen Imprint verfeinern und entwickeln wir uns weiter.
EXPERIMENT
Unter Nutzung der einzigartigen Eigenschaften von Vanduul-Bioflüssigkeit werde ich einen menschlichen Abdruck durch die Einführung eines Katalysators und eines Reagenzes modifizieren. Das Ergebnis wird ein lebensfähiges Rekombinat sein, das nicht nur für die Regeneration geeignet ist, sondern auch das ursprüngliche Ausgangsmaterial verbessert.
“Kein Wunder haben wir den Vanduul nichts entgegenzusetzen“, sagte ich nachdenklich, nachdem ich die Informationen gelesen hatte. “Vielleicht ist es gar nicht so falsch, die Menschen etwas zu optimieren. Dann hätten wir vielleicht eine Chance gegen die Vanduul.”
“Willst Du so etwas wie den armen Sam, den wir vorhin gefunden haben?”, fragte Alaska entsetzt.
“Nein. Ich sag auch nicht, dass der Weg von Jorrit der richtige ist. Aber die Menschen in Nyx werden abgeschlachtet von den Vanduul. Jeden Tag. Vielleicht liegt hier eine Chance. Vielleicht auch nicht. Ich weiss es nicht. Ich bin verwirrt – ich weiss selber nicht.”
Meine Gedanken kreisten in einer wilden Achterbahn. Vielleicht war es falsch, die eigene Spezies zu verändern. Vielleicht war es unsere einzige Chance gegen die Vanduul. Richtig und falsch – eine Frage der Perspektive. Die Vanduul nennen es Evolution, wir nennen es Wahnsinn. Warum sollte die menschliche Perspektive die einzig richtige sein? Ich wusste nicht mehr, wo meine Perspektive lag. Die Erlebnisse in Onyx hatten mich aus der Balance geworfen. Ich musste raus. Meditieren. Meine Mitte wiederfinden.
Nachdem wir die Daten des Experiments gesichert hatten, flogen wir zurück nach Baijini Point. Es dauerte nicht lange, bis wir das Dossier, das Hockrow über Jorrit erstellt hatte, bekamen und eine Bestätigung, dass die ASD uns nicht mehr verfolgen würde. Wir waren frei, aber was passierte jetzt mit Jorrit und seinem Experiment? Ich erinnerte mich an ENOS und den Killersatelliten-Skandal. Beides hatten wir aufgedeckt und nach einer anfänglichen Empörung war weiter nichts passiert. Das UEE und die Konzerne hatten kein Interesse, Skandale nachhaltig aufzudecken und Konsequenzen zu ziehen. Sie waren nur am Machterhalt und am Profit interessiert.