Manipulation oder schlechte Qualität. Ich suchte nach der Ursache für die Epidemie.
Molina Mold – War die Epidemie eine Verschwörung gegen die People’s Alliance, wie manche in Levski behaupteten, oder schlicht das Resultat miserabler Wartung und billiger Qualität? Sicher war nur: Der Auslöser war ein fehlerhafter Filter von Gyson Inc., installiert kurz vor dem Ausbruch. Doch steckte das UEE dahinter? Wurden die Filter auf dem Weg nach Levski manipuliert?
Die Lieferung lief über ein Distribution Center auf Microtech – ein idealer Ort für Eingriffe. Genau dort wollte ich ansetzen. Reinmarschieren und fragen war keine Option. Ich musste infiltrieren und den Zentralserver erreichen. Zum Glück kannte ich die Gebäude aus einer früheren Undercover-Ermittlung. Diesmal hatte ich jedoch keine Unterstützung.
Als Mitglied der Support Unit von Alliance Aid gekleidet, stand ich im Pausenraum für Angestellte und Piloten. Es roch nach gebratenen Bohnen, Essensreste standen auf dem Herd. Ich war allein. Noch bewegte ich mich im legalen Bereich, aber jeder Schritt führte mich weiter davon weg.
Ich nahm einen Happen von den Bohnen, ging zur Sitzgruppe und öffnete unauffällig die Wartungsklappe hinter der Pflanze. Ein letzter Blick über die Schulter, dann kroch ich hinein und stieg die Leiter hinab. Metallisch schepperten meine Stiefel auf dem Gitterboden. Rohre, Kisten, schwaches Licht – und die Frage: wohin? Meine Erinnerung war schlechter als gedacht.

Planlos irrte ich durch Gänge, Leitern und Röhren, bis ich schließlich wieder an der Leiter stand, von der ich gekommen war. Fluchend ging ich weiter, bis ich den Fahrstuhl zur oberen Ebene fand.
Eine kurze Fahrt, die Fahrstuhltür glitt zur Seite. Ein breiter Gang, graue Betonwände, große Pflanzen. Zwanzig Meter entfernt: der Konferenzraum – mein Ziel. Ich setzte mich in Bewegung. Hoffentlich wollte niemand einen Ausweis sehen, wozu auch – ich kam aus dem Inneren Bereich. Doch plötzlich im Augenwinkel: eine Wache. Meine Schritte stockten. Mit bleischweren Beinen versuchte ich sie zu ignorieren und ging direkt in den Konferenzraum. Die Tür schloss sich. Angespannt atmete ich aus und lauschte. Folgte mir jemand? Es blieb ruhig.
Hinter dem Empfangstresen kroch ich durch eine Wartungsklappe in einen fensterlosen Raum und stand vor den Serverschränken. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Stirn. Das konnte doch nicht wahr sein. Kein Terminal, kein Anschluss, keine Möglichkeit zu hacken. Ich schaute mich um. Nackte Wände, ein Rohr, zwei Kisten mit Rüstungsteilen. Warum standen sie hier? Egal. Bezüglich der Filter würde ich hier nichts finden. Ich musste runter ins Lager, in Bereiche mit strenger Kontrolle.
Durch eine weitere Klappe gelangte ich in ein Büro. Auf dem Schreibtisch lag eine Zugangsberechtigung – mein Ticket durch die Lobby zum Fahrstuhl in den Sicherheitsbereich.
Mit mulmigem Gefühl stieg ich die Treppe hinunter. Die Lobby war leer, kaltes Licht fiel durch das Glasdach. Draußen tobte ein Schneesturm, ein krasser Gegensatz zur Hitze in mir. Ich huschte am Empfang vorbei und fuhr nach unten.
Im Sicherheitsbereich versperrte ein schweres Metalltor den Weg zum Lager. Links davon, hinter Glas: der Kontrollraum. Nur von dort ließ sich das Tor öffnen. Niemand war da, der mich aufhielt – aber auch niemand, der öffnete. Rechts ein kleiner Lagerraum. Durch eine Bodenklappe kroch ich in einen Wartungstunnel.

Eng, rotes Licht. Kriechend kämpfte ich mich vorwärts, robbte unter einem tief hängenden Rohr hindurch und gelangte in einen hohen Raum. Schwer atmend kletterte ich in einen weit oben liegenden Lüftungsschacht und weiter auf einen schmalen, wackeligen Metallsteg unter der Decke des Sicherheitsbereichs. Nicht hoch, aber schwindelerregend genug. Auf allen Vieren tastete ich mich vor.
Ein metallisches Rumpeln ließ mich erstarren. Das Tor öffnete sich. Zwei Personen liefen unter mir durch.
“Wann kommt der Waffenhändler wieder?”
“Ich denke Freitag.”
Sie verschwanden im Fahrstuhl. Ein Waffenverkäufer im Distribution Center? Was lief hier?
Ich kroch weiter, erreichte eine Deckenluke und sprang in den Kontrollraum. Und erstarrte erneut.
In den Waffenschränken lagen Modelle, die man nirgendwo kaufen konnte. In Kisten stapelten sich Rüstungen, Kleidung, Artefakte, Getränke – Dinge, die ich noch nie in einem Shop gesehen hatte. Ein Schwarzmarkt? Ich zögerte, dann nahm ich mit, was ich tragen konnte. Pike hätte seinen Spaß gehabt.
Auf dem Überwachungsmonitor prüfte ich die Lage, öffnete das Tor und glitt hindurch. Über ein Geländer sprang ich auf einen tieferliegenden versteckten Weg und schlich an Maschinen und Arbeitern vorbei zum Hauptlager.
Dort herrschte Ruhe. Container hingen in Reihen bis unter die Decke, jeder Platz war belegt. Alle trugen dasselbe Logo: Cleanair Inc – Qualitätsfilter. Warum wurden sie nicht nach Levski geliefert? Wer war Cleanair Inc?

Eine Tür rumpelte. Ich sprang hinter die Container.
Vorsichtig schlich ich an den Regalen vorbei. An einem Terminal verschaffte ich mir Zugang zu den Lagerlisten. Ausschließlich Filter von Cleanair Inc – auf unbestimmte Zeit eingelagert. Was beim Propheten bedeutet das?
Ich suchte nach Gyson. Deren Filter kamen direkt aus der Fabrik im Ferron-System und wurden sofort weiter nach Levski geschickt. Keine Hinweise auf einen Austausch, keine Zeit für Manipulation. Nach dem Ausbruch der Epidemie und dem Start der Hilfslieferungen wurden nur noch Cleanair-Filter angenommen und eingelagert. Seltsam.
Hinter einem Schreibtisch fand ich einen Tresor, ein antiquiertes Modell. Schnell geknackt. Darin eine Nachricht von Cleanair an den Dispatcher:
Sobald ihr keine Waren mehr annehmt, werden unsere Freunde die Lieferung von Gyson über den Alternativweg unterbrechen. Wenn PT blockiert ist, öffnet die Tore und flutet den Markt mit unseren Filtern. Auch du wirst von den Gewinnen unserer schlagartigen Marktdominanz profitieren.
PT musste Port Tressler sein. Das erklärte die Blockade der Orbitalstation, die ich durchbrochen hatte.
Ein Geräusch schreckte mich auf. Eilig sicherte ich alle Daten und verschwand aus dem Distribution Center.
*
Auf dem Flug nach Levski betrachtete ich meine Funde. Die Getränke schienen seltene Waren aus anderen Sternensystemen zu sein. Ich fragte mich, ob sich damit bei der feinen Gesellschaft in Stanton Geld verdienen ließe. Ich öffnete eine Dose mit Quantanium-Wasser, setzte mich auf das rote Sofa und dachte über die Ermittlungsergebnisse nach.

Cleanair Inc – eine neue Firma von ArcCorp. Sie hatten Probleme am Markt Fuß zu fassen und nutzten die Notlage in Levski, blockierten Port Tressler und wollten ihre Filter durchdrücken. Das hatte ich wohl vereitelt.
Hinweise auf manipulierte Gyson-Filter fand ich keine. Vielleicht war Molina Mold tatsächlich das Ergebnis eines fehlerhaften Produkts. Gyson war für schlechte Qualitätskontrolle bekannt. Eine naheliegende Erklärung. Aber auch ein perfekter Deckmantel für eine verdeckte UEE-Operation – Manipulation direkt in der Fabrik, ohne Verdacht.
Es war unbefriedigend. Doch fürs Erste musste das Naheliegende reichen. Die Hilfe der Alliance Aid wirkte in Levski. Das sprach gegen eine Verschwörung. Ganz loslassen konnte ich den Verdacht dennoch nicht. Sicher war nur eines: Konzerne waren rücksichtslos. Entweder sparten sie an Qualität oder nutzten Notsituationen schamlos aus.