Auf der Suche nach Informationen über die Machenschaften der ASD gerieten wir in einen absoluten Albtraum.
Ich kniete im hohen Gras, das mir bis zu den Schultern reichte. Das Scharfschützengewehr lag schwer in meinen Händen. Durch die Zieloptik beobachtete ich das ASD Data-Center. Noch war es Nacht, doch hinter den Hügeln leuchteten schwach die ersten Vorboten der Morgendämmerung. Die Anlage des Gebäudekomplexes wurde von Scheinwerfern beleuchtet. Ein mehrstöckiges Zentralgebäude war umgeben von Landepads und kleineren Nebengebäuden. Wachen liefen in der Anlage Patrouille. Viele Wachen. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommen würde, wäre ich vielleicht nicht hier.

Vor zwei Wochen hatte ich auf dem Mond Vadra eine Computerplatine gefunden. Darauf war ein Logo von ASD, der Associated Sciences & Development. Und Datenfragmente, von denen ich nur das Wort ENOS extrahieren konnte. Meine Befürchtungen, dass ENOS, ASD und die Regenerationskrise zusammenhingen, flammten wieder auf. Spontan verließ ich die Expedition von Friedrich Winters und flog in das Stanton System, um mit der Hilfe von Marsden Analytics die Daten auf der Platine wiederherzustellen. Wir konnten die Daten nicht vollständig extrahieren, doch es reichte, um einen Blick in die Abgründe der skrupellosen Machenschaften zu bekommen.
… ….. Liefer… VARPS … ..ojekt ENOS … …getrof… . … Experi…. mit … Van..ul-Bioflü..igkeit …. ..startet …….
Von den VARPS hatten wir bei den ENOS-Ermittlungen gehört. Das waren Leichen der Vanduul. ASD forschte auf fragwürdige Weise an einer Lösung der Regenerationskrise. Die Regenerationstechnologie stammte von den Vanduul. Doch was, wenn sich ASD nicht nur auf Experimente mit Vanduul-Bioflüssigkeit beschränkte? Wenn sie noch andere Experimente durchführten? Wir wussten, dass die Verantwortlichen von ENOS Menschen entführt und für Experimente nach Pyro gebracht hatten. Nach allem was ich bisher über ASD gehört hatte, traute ich dem Konzern zu, auch Experimente mit Menschen durchzuführen. Wenn dem so war, musste das publik werden. Wir mussten das aufdecken. Wir durften nicht schweigen.
Während der Datenextraktion bei Marsden Analytics lernte ich die Ermittlungsagentur Hockrow Agency kennen. Diese hatte den Auftrag, ein Dossier über Dr. Logan Jorrit, den Chefwissenschaftler der ASD, zu erstellen. Man ging davon aus, dass er für die fragwürdigen Experimente verantwortlich war. Die Hockrow Agency bat mich, Informationen und Daten aus dem ASD-Farro-Data-Center auf Pyro IV zu besorgen.
Mit diesem Auftrag und den Daten von der Computerplatine kehrte ich mit der White Rabbit in das Pyro-System zurück. Auf Pyro IV traf ich die Expeditionsgruppe, die die Suche nach Mineralien inzwischen beendet hatte und auch einer Spur folgte, die sie zum ASD Data-Center geführt hatte.
Wir beschlossen, das Data-Center gemeinsam als Gruppe zu infiltrieren. Um Zugang zu den speziell gesicherten Bereichen zu erhalten, hatte mir die Hockrow Agency einen ASD-Laborkittel inklusive Zugangskarte mitgegeben. Hermieoth zog sich den Laborkittel an. Ganz wohl war ihm nicht dabei, ohne Rüstung das Labor zu infiltrieren. Und ob wir mit der Verkleidung von Hermieoth einfach so reinkommen würden, war allerdings mehr als fraglich. Die Sicherheitsvorkehrungen waren verschärft worden, nachdem die Gruppe vor ein paar Tagen versucht hatte, in das Data-Center zu gelangen.

“Zero, Du bist zurückgefallen. Bildest Du jetzt die Nachhut?”
Der Funkspruch riss mich aus meinen Gedanken. Hermieoth, Friedrich, Brubacker, Alaska, Pike und Lyrana waren bereits 150 Meter voraus und hatten den Außenbereich der Anlage erreicht.
“Ja. Ich gebe Euch von hier mit dem Scharfschützengewehr Deckung.”
Durch das Zielfernrohr beobachtete ich, wie die Gruppe von Deckung zu Deckung schlich und weiter vorrückte. Dabei behielt ich die Wachen im Auge und gab die Positionen an die Gruppe weiter. Bisher hatte uns niemand bemerkt. Doch als die Gruppe die Rampe zum Zentralgebäude erreichte, brach die Hölle los.
Die Stille der Nacht wurde plötzlich von Schüssen zerrissen. Schreie fluteten den Funk.
“Ich stehe unter Beschuss!”
“Einer erledigt!”
“Da kommen noch mehr!”
“Achtung, hinter uns!”
“Ich wurde getroffen!”
“Aaaah! Ich kann meinen Arm kaum noch bewegen!”
“Hermieoth hat es erwischt!”
“Ich brauche ein Medpen!”
Es war das totale Chaos. Panik stieg in mir auf. Verzweifelt versuchte ich aus der Distanz, die Wachen mit dem Scharfschützengewehr auszuschalten. Sie rannten wie Ameisen umher, verschwanden hinter Deckungen, tauchten plötzlich wieder auf, weitere rückten nach. Ich zielte, schoss, zielte, schoss, lud nach. Es ging alles unheimlich schnell. Dabei lagen die Rufe meiner Freunde wie eine Pein in meinen Ohren. Nur von Hermieoth war nichts zu hören.
“Zero! Rück nach. Wir brauchen Dich hier!”, befahl Lyrana.
Als ich die Gruppe erreichte, fühlte ich mich wie in einem Schlachthaus. Leblose Körper lagen überall. Schmerzerfülltes Stöhnen und Schüsse lagen in der Luft. Meine Freunde kämpften mit letzter Kraft um ihr nacktes Überleben. Sie gaben alles, hielten unter Schmerzen ihre Waffen und feuerten aus allen Rohren. Ich schoss ebenfalls und verteilte Medpens. Dann wurden wir eingekreist. Nachrückende Wachen hatten uns den Rückweg abgeschnitten, uns blieb nur der Weg nach vorne. Irgendwie schafften wir es in das Hauptgebäude.
Mit einer Zugangskarte, die ich gefunden hatte, gelangten wir in einen gesicherten Raum. Einer nach dem anderen stolperte durch den Durchgang. Als alle im Raum waren, versiegelten wir die Tür. Nur einer fehlte. Hermieoth hatte es nicht geschafft. Vorerst waren wir sicher. Doch durch ein Fenster sahen wir die Wachen, die auf der anderen Seite der Tür Position bezogen. Einen zweiten Ausgang gab es nicht. Wir waren eingesperrt, gefangen wie Laborratten.

Im Raum befanden sich ein Strahlenschutzanzug, ein Tresor und jede Menge Vorräte. Darunter auch medizinisches Equipment. Während die anderen ihre Wunden versorgten, untersuchte ich einen Computer, der in einer Ecke stand. Langsam klang das Stöhnen und schwere Atmen ab. Unsere Kräfte kehrten zurück. Ich stöberte durch Dateien und E-Mails. In einer Mail fand ich den Code für den Tresor. Es war immer wieder überraschend, wie unvorsichtig die Leute mit ihren Codes und Passwörter waren. Leichtes Spiel für jeden Hacker. Ich gab den Code im Display des Tresors ein und öffnete die Tür. Vor meinen Augen lag eine Schlüsselkarte mit der Aufschrift “Data Processing”. Das war der Jackpot.
“Damit kommen wir an den Zentralcomputer und an Daten, die ich dringend für meinen Auftraggeber brauche”, sagte ich leise.
“Und an Daten, mit denen wir vielleicht herausbekommen, was ASD treibt”, ergänzte Friedrich. “Die Chance, das zu veröffentlichen und die Bande zu überführen.”
Es gab keinen Widerspruch. Wir waren uns einig. Wir waren so weit gekommen, kämpfen mussten wir ohnehin und wollten uns die Chance, alles aufzudecken, nicht entgehen lassen. Mit gezogenen Waffen postierten wir uns an der geschlossenen Tür. Lyrana zählte rückwärts.
“3. 2. 1. Los!”
Ich öffnete die Tür und eine Flutwelle Kugeln ergoss sich in den Vorraum. Die Wachen waren überrumpelt. Schnell bewegten wir uns durch das Gebäude und kamen in ein Labor, in dem uns das Blut erstarrte. Auf einem Tisch lag ein toter Kopion. Daneben eine Kreissäge und Organe. In einem Container mit Glaswänden befand sich ein lebender Kopion. Er war erschreckend anders. Seine Haut war grünlich, seine Augen leuchteten strahlend grün. Es war eine Ausgeburt der Hölle. Selbst der Prophet von Pyro hätte sich in seinen düsteren Prognosen so eine Kreatur nicht ausmalen können.

Hinter einem Fenster rannten in einem Nebenraum Wissenschaftler aufgeregt hin und her. Zugang zu dem Raum bekamen wir nicht. Ein Körperscanner blockierte die Tür und ließ nur durch, wer einen Laborkittel mit einem Ausweis trug. Diesen hatte Hermieoth, der nicht mehr bei uns war.
“Los weiter. Wir müssen uns beeilen. Die Treppe hoch geht es zum Data Processing.”
Kurz darauf stand ich vor einer rot-weißen Sicherheitstür. Darauf stand in großen Buchstaben zusammen mit dem Piktogramm einer Schlüsselkarte.
“SECURITY LVL 03. SECURE AREA. CREDENTIALS REQUIRED”
“Los Zero! Mach schon. Steckt die Karte rein.”
Zitternd hielt ich die Karte in der Hand und zögerte eine Sekunde. Dann steckte ich sie in den Slot. Ein mechanisches Rumpeln kam aus dem Inneren der Tür. Schließlich glitt sie zur Seite und gab den Blick frei auf einen Raum mit mehreren Säulen mit Serverracks in denen sich Roboterarme hoch und runter bewegten um Platinen und Speicherkarte von einem Slot in den nächsten zu stecken. In einem Nebenraum entdeckte ich ein Waffenrack mit mehreren VOLT Energiewaffen.

“Zero! Wir haben keine Zeit um Waffen zu plündern. Lade die Daten runter:”
Grummelnd ging ich zu einem zentralen Terminal und startete den Download. Ich hatte das Gefühl, dass wir die Waffen noch gut gebrauchen konnten. Kaum hatte ich den Datentransfer gestartet, ertönte ein schriller Alarm. Die Beleuchtung wechselte in ein rotes Blinken und schlagartig gingen alle Türen auf. Wachen stürmten herein und beschossen uns von allen Seiten.
*
Ich weiss nicht mehr, wie wir es raus geschafft hatten. Ich weiss nur, dass wir den Download nicht abschließen konnten. Wir kehrten zurück zur Gaslight Station mit unvollständigen Daten und ohne Hermieoth. Nachts schickte Brubacker eine Nachricht an alle.
Bin eben aufgewacht und mir ist einfach nur kotzübel. Wir haben es mit Leuten zu tun, die offenbar völlig gewissenlos sind. Und irgendwas wollen sie offenbar um jeden Preis schützen. Ich für meinen Teil muss rausfinden, womit wir es hier wirklich zu tun haben. Mich verfolgt der ganze Scheiss einfach schon zu lange. Hat jemand was von Hermie gehört? Er hat doch ein funktionierendes Imprint? Weiß jemand, wo das liegt? Meldet Euch, Leute. Ich schreib mal Bioticorp an. Bru-
Pike antwortete, dass ihm jeder Knochen weh tun und er ein Rust brauchen würde. Auch ich musste meine Balance erst wieder finden. Doch zunächst musste ich die Daten analysieren, die wir aus dem Data-Center mitgenommen hatten.
Als ich in der White Rabbit am Computer saß, ploppte eine Nachricht auf dem Bildschirm auf.

Mir wurde schlecht und meine Balance geriet noch mehr aus der Mitte.